Ich geb dir einen Mantel, dass du ihn noch in Freiheit tragen kannst*

Ich geb dir einen Mantel, dass du ihn noch in Freiheit tragen kannst*
Widerstehen im KZ. Österreichische Frauen erzählen. Wien 1987

* gemeinsam mit Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik, Lisbeth N. Trallori

“Mit meinem Leben hab ich abgeschlossen gehabt. Nie hab ich daran geglaubt, dass ich einmal freigeh! Die anderen waren viel optimistischer. Eine Kameradin hat mir etwas zum Anziehen organisiert, sonst wär ich ja fast nackt herumgerannt. Ich geb’ dir einen Mantel, hat sie gesagt, dass du ihn noch in Freiheit tragen kannst. Hab ich sie angeschaut: Ja, lebt die am Mond? In der Freiheit den Mantel noch tragen! Das war ja der höchste Optimismus, den du dir vorstellen kannst.”
Anna Wundsam


In Auschwitz, Ravensbrück, Theresienstadt, in der Uckermark, in Maxglan und Lackenbach waren sie interniert, in einigen Fällen hatten sie eine Odyssee durch mehrere Lager hinter sich – 51 Frauen, die wir über ihre KZ-Haft befragt haben. In wiederholten mehrstündigen Gesprächen erzählten sie über die Bedingungen, denen sie widerstanden, über Mittel und Wege, die sie fanden, sich gegen das lebenszerstörende System zur Wehr zu setzen, über die Verletzungen, die man ihnen nach der Befreiung durch Ignoranz und Verachtung zugefügt hat. Um ihre Taten im Gesamtzusammenhang ihrer Entwicklung betrachten zu können, haben wir nach ihrer Vorgeschichte gefragt – uns interessierte, woher sie die Kraft nahmen, sich nicht brechen zu lassen. Auch wollten wir wissen, was es für sie bedeutete, die Zeit danach mit diesen Erfahrungn zu leben.

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PRESSESTIMMEN

Von der Zeitgeschichte werden die Leistungen, die Leiden, ja selbst die Existenz der weiblichen Widerstandskämpfer völlig ignoriert. Die authentischen Berichte des vorliegenden Buches sollen diese Ungerechtigkeit zumindest bewußt machen."
ORF Magazin für die Frau, 20.10.1988

 

Mit der Veröffentlichung dieser Gesprächsprotokolle haben die Herausgeberinnen nicht nur einen bemerkenswerten, als Pflichtlektüre anzuratenden Beitrag zum Kampf gegen das Vergessen geleistet, sondern uns auch Lebensbilder zugänglich gemacht, die uns erschüttern, bereichern und verändern.
AUFBAU – Das jüdische Monatsmagazin, New York, Juni1988

 

Doch selbst in den schlimmsten Lagern und unter den übelsten Bedingungen haben die Frauen zusammengehalten. 'Denn allein', so sagt eine der Frauen im Buch, 'kann man nicht überleben'.
SALZBURGER NACHRICHTEN, April1988

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AUS DEM NACHWORT

Unser Anliegen war, aus möglichst allen Gruppen von Verfolgten des NS-Regimes Gesprächspartnerinnen zu finden. Wir suchten Jüdinnen und Zigeunerinnen auf, sprachen mit politisch Verfolgten, die aus den unterschiedlichsten Gründen in die Lager deportiert worden waren – wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber dem Regime, wegen Partisanenunterstützung, als Aktivistinnen der Arbeiterbewegung oder wegen ihrer Unterstützung von Verfolgten. Trotz der Arbeiterbewegung oder wegen ihrer Unterstützung von Verfolgten. Trotz intensiver Nachforschung gelang es nicht, mit Bibelforscherinnen zu sprechen, die wegen ihrer antimilitaristischen Haltung gefangen waren. Der größte Teil von ihnen ist unseren Informationen nach bereits verstorben, zu den wenigen noch Lebenden einen persönlichen Kontakt herzustellen, war nicht möglich. Ebenso sind unsere Bemühungen gescheitert, mit Frauen ein Gepräch zu führen, die als Lesbierinnen verfolgt und ins KZ eingeliefert worden waren, und mit Frauen, die eine damals verbotene Beziehung zu einem ausländischen Zwangsarbeiter unterhalten hatten. Die Diffamierung, der diese Frauen aufgrund ihrer sexuellen Praxis ausgesetzt waren bzw. sind, dürfte sie am Reden gehindert haben.
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Schwierigkeiten des Erzählens liegen auch in der Nicht-Vermittelbarkeit dessen, was im KZ geschah, in der Unvorstellbarkeit und damit Unbeschreibbarkeit. Viele Frauen betonen, dass nichts die Realität des KZs je wiedergeben könne. Manche fühlen sich in den Gesprächen mit anderen Leuten isoliert, können ihre Erfahrungen nur Menschen mit ähnlichem Erfahrungshintergrund mitteilen. Manche hinderte am Reden, dass sie im KZ in Fuktionen waren, durch die sie vor bestimmte Entscheidungssituationen gestellt waren, welche sie bis heute belasten. Andere haben Gefühle der Schuld, selbst überlebt zu haben, während so viele Menschen umgekommen waren. Einige Frauen bedauern, nach 1945 nicht häufiger und intensiver darüber gesprochen zu haben. Gespräche wären wichtig gewesen, meinen sie heute. Um diese traumatisierenden Erfahrungen wenigstens teilweise bewältigen zu können, hätte es aber einer anderen, einer sensiblen Öffentlichkeit bedurft, in der diese als kollektiver Erfahrungswert aufgenommen und aufgehoben wären. Schließlich lagen auch die Gründe für diese Erfahrungen nicht primär auf psychologischer und individueller Ebene. Sprechen heute die Frauen von ihren Schwierigkeiten beim Erzählen, dann beinahe immer in Zusammenhang mit der gesellschaftlichen Ignoranz und Aggression nach 1945. Es scheint, als wäre durch die ersten negativen Begegnungen mit der neuen, österreichischen Kollektividentität des Nichts-gehört-und Nichts-gesehen-Habens ein weiteres Trauma entstanden, das ebenfalls bis heute wirkt. Dem KZ-Trauma folgte ein Nachkriegstrauma. In eine neue Gesellschaft waren sie nicht zurückgekehrt.
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