Zwischen Eintopf und Fließband

Zwischen Eintopf und Fließband
Frauenarbeit und Frauenbild im Faschismus. Österreich 1938-1945, Verlag für Gesellschaftkritik, Wien 1984

Das hinlänglich bekannte Frauenbild der Nazis: die Frau, die mit Freuden im Haus wirtschaftet, Kinder gebiert und aufzieht und damit ihrem angeblich “ureigenen Wesen” entspricht.
Die Realität vieler Frauen unter dem NS-Regime: Zwang zur Arbeit in der Rüstungsproduktion, schlechte Arbeitsbedingungen, Doppelbelastung.
Den Hintergrund für diese Analyse bildet die Frage nach dem Widerspruch zwischen Frauenideolgie und praktischer Frauenpolitik des NS-Regimes.
Dabei tauchen weitere Fragen auf: Wie weit war dieser Widerspruch produktiv für das System? Wie weit machte er diesem System selbst Schwierigkeiten? Inwieweit änderte sich das Frauenbild während der Kriegsjahre? Wo kam es zu Kontinuitäten, wo zu Widersprüchen im Frauenbild selbst? Diese Fragestellungen ziehen sich durch alle Bereiche der Arbeit, um eine Analyse der Funktionalität bzw. Disfunktionalität faschistischer Frauenideologie für die Interessen des Systems zu ermöglichen.
Anhand umfangreicher, bisher unveröffentlichter Quellen analysiert die Autorin die verschiedenen Maßnahmen der Integration von Frauen in die Produktion.

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PRESSESTIMMEN

“DIE SCHAFFENDE FRAU HILFT SIEGEN!”
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Widersprüche? Mitnichten. Karin Berger gelingt es in ihrem Buch über eben diesen Widerspruch zwischen Frauenbild und Frauenwirklichkeit im Faschismus zu zeigen, dass nicht die Wirklichkeit in Widerspruch zum NS-Frauenbild gerät, sondern wie sich das Frauenbild den geänderten Wirtschaftsverhältnissen anpasst, nicht mehr nur das Frauen-Dasein als Hausfrau und Mutter, sondern eine zusätzliche Berufsarbeit, vornehmlich in der Rüstungsindustrie, sichert das Wohl des Staats und ist zudem frauenwesensgemäß. Hausarbeit und Kindererziehung bleiben jedoch weiterhin alleinige Agenden der Frauen. Diese Doppelbelastung, von den einen postuliert, von den anderen in anerzogener Opferbereitschaft und selbsterworbener Resignation auf sich genommen, ist übrigens ein Kontiuum unserer Geschichte, das nicht nur, wie die Autrorin meint, für die kapitalistischen Systeme typisch ist, sondern de facto ebenso für den realen Sozialismus gilt. Man denke etwa nur an die Berichte über die Sowjetunion in der “Volksstimme”, in denen die Errungenschaft einer Waschmaschine und anderer Haushaltsgeräte als Arbeitserleichtung für die Frauen begrüßt wird.
Wohl lautet der Titel der Untersuchung “Zwischen Eintopf und Fließband”, doch die Eintopf-Seite, also der Reproduktionsbereich, wird nur kurz gestreift. Die privatistisch anmutende Vorstellung des sogenannten weiblichen Lebenszusammenhanges, etwa die Sorge der Frauen um ihre Männer und Kinder, erfährt unter den terroristischen Bedingungen des Regimes eine radikale Umwertung. Hier erst wird die gesellschaftserhaltende und sinnstiftende Qualität dieser Frauenarbeit sichtbar. Die Sicherstellung eines mehr oder minder reibungslosen Alltags für die Familien trotz einer immer schlechter werdenden Versorgungslage, überhaupt die Aufrechterhaltung der Fiktion eines “normalen Alltags”, die vom Regime bis zuletzt krampfhaft beschworen wurde, sollten die “innere Front” halten und somit ihr Scherflein zum Sieg beitragen. Rüstungsproduktion und Hausarbeits-Alltag von Frauen sind die zwei Seiten derselben Medaille. 1942 heißt es in einem Stimmungsbericht aus Wien: “Immer stärker zeichnet sich ab, dass die infolge der täglichen Sorgen um vieles gedrückte Stimmung der Frauen ihre Rückwirkung auf die Männer ausübt.”

Karin Berger zeichnet, gestützt auf eine Vielzahl von Quellen, ein erstes, brauchbares, allen zugängliches Bild über die Lage der Frau unter dem NS-Regime in Österreich. Besondere Bedeutung kommt der Arbeit auch insofern zu, als die Autorin unter Frauengeschichte keine Sondergeschichte versteht, sondern sie als integralen und unverzichtbaren Teil der Geschichte des Faschismus begreift. Und damit auch der sogenannten Modernisierungstheorie entgegentritt, wie sie etwa von Jill Stephenson und David Schoenbaum vertreten wird, wonach die zunehmende Berufstätigkeit der Frauen eine Emanzipation der Frau durch den Faschismus darstelle.

Von wegen “Frauen im Faschismus”. Uns nicht vergessen läßt die Autorin, wer “die “ Frauen, “die” Menschen im Alltag unter dem NS-Regime waren bzw. wer von dieser Menschheit ausgeschlossen war. Das möchte ich als ein Verdienst dieses Buches werten, obwohl es doch selbstverständlich sein sollte. Karin Berger widmet das Buch einem Teil der anderen Hälfte der Frauen im Faschismus: Den Ostarbeiterinnen und Polinnen. Den Jüdinnen, Zigeunerinnen und politisch Verfolgten möchte ich hinzufügen.
Brigitte Lichtenberger-Fenz, DAS TAGEBUCH, 1984
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