Herzausreisser
 

Herzausreisser
Neues vom Wienerlied.
A 2008, 85 Minuten, 35 mm (1:1,85), Dolby Digital, eng UT
Buch, Regie: Karin Berger // Kamera: Joerg Burger // Ton: Bruno Pisek // Schnitt: Niki Mossböck // Dramaturgische Beratung: Constantin Wulff // Produktionsleitung: Andrea Minauf // Mit: Karl Hodina, 1. Wiener Pawlatschen AG, Roland Neuwirth & Extremschrammeln, Doris Windhager, Ernst Kölz, Walther Soyka, Karl Stirner, Kollegium Kalksburg, Walter Malli, Oskar Aichinger, Die Strottern, Stimmgewitter Augustin

Publikumspreis für Dokumentarfilm beim Internationalen Filmfest Würzburg 2009


i hob do in mia
so ar oat dialekt
den howi ned von da muata griagd
howin grod east endeckt

ernst jandl, stanzen, puchberger hof

In Herzausreisser geht es um ein Grüpplein Unverdrossener und Verwegener, das nach eigener Wiener Musik sucht, sie für sich brauchbar macht, in den letzten Jahrhunderten kramt, Altes und Neues verbindet, schöne Melodien findet, sich über das Wienerlied lustig macht, und - als Antithese zu Kitsch und Sentimentalität - auch wieder schwarze Seiten zum Klingen bringt.

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PRESSESTIMMEN

KLANGBILD MIT SCHÖNEN DISSONANZEN: "HERZAUSREIßER"

Der Flug über Wien zeigt die bekannten Ansichten der Stadt: Schönbrunn, Burgtheater, Stephansdom. Eine Aufnahme aus Willi Forsts "Wien, du Stadt meiner Träume" von 1954, unterlegt mit einem von Karl Hodina interpretierten "Ruf- und Leiertanz". Wenige Sekunden genügen Regisseurin Karin Berger, um kanonisierten historischen Ballast zu montieren, von dem sich ihre Dokumentation "Herzausreißer" in der Folge immer wieder zu befreien versucht.
Konsequent zeigt die nächste Einstellung eine Ziehharmonika in Großaufnahme und nimmt sozusagen das Herz der Wienerlieds ins Visier, um dessen Definition sich im Laufe des Films seine heute maßgeblichen Protagonisten bemühen. Über eine allgemeingültige Bestimmung wird man sich allerdings auch für den Rest des Films nicht einig werden. Warum auch? Es ist der Reiz des Gegensätzlichen, der das oft und zu Recht verfemte Wienerlied auszeichnet und seinen heutigen Interpreten die Möglichkeit bietet, es für eigene Zwecke und Vorlieben zu verwenden. So wie die ersten Bilder von größter Ferne und nächster Nähe erzählen, so lebt auch "Herzausreißer" von der Dissonanz.
Die "Schrammeln" mit den Gesichtern von Hörbiger und Moser bekommt man nur einmal, in einem Ausschnitt aus der unsäglichen Schnulze von 1944, zu sehen, während wenig später bereits Helmut Qualtinger und André Heller "Wean, du bist a Taschenfeitl unter an Himmel voll Schädlweh" interpretieren. Und das ist gut so. Denn Berger hält sich nicht mit musik- oder kulturwissenschaftlichen Erklärungen über Entstehung und Tradition auf. Sie betreibt eine Art offene Feldforschung, für die sie diverse Stimmen und Stimmungen einfängt. Eine nicht exakte, aber für diesen Zweck immerhin geeignete Methode.
"Herzausreißer" interessiert sich vor allem dafür, was es für den Einzelnen bedeutet. Und wie sehr sich die ambivalente Haltung zum Wienerlied bei dessen zeitgenössischen Interpreten niederschlägt, wird überdeutlich: Als Kind wollte er immer als Cowboy nach Amerika gehen, erzählt etwa Klemens Lendl, eine Hälfte des großartigen Duos "Die Strottern". Sobald er jedoch außerhalb Wiens engagiert werde, sei er "Paradewiener". Dem Akkordeonisten Walther Soyka ("I bin eigentlich net wirklich wo daham") fällt auf die Frage, was ihn in Wien halte, nur das gute Trinkwasser ein. Irgendwie sei er einfach ein Teil von Wien geworden. Genau das kann man auf andere Weise wohl auch vom Wienerlied behaupten.
Michael Pekler, DER STANDARD

…..
Wiener Weltumarmung
Wie das ist, sich in einem fremden, problematischen Habitus zurechtzufinden, davon erzählt dieser Tage auch eine zweite sehenswerte österreichische Musikdokumentation: “Herzausreißer” von Karin Berger widmet sich dem zeitgenössischen Wienerlied im engeren Sinn.
Auffallend an den Interviews, die Berger mit Musikern – von H.C. Artmann-Vertoner Ernst Kölz bis zu Dudler-Virtuosin Doris Windhager – geführt hat, ist zuerst einmal die Ambivalenz, mit der alle von jener Tradition sprechen, an der sie sich abarbeiten: Da ist schnell einmal von “bachenen Texten” und “raunzertem Gaatsch” die Rede, zu denen das Wienerlied gefährlich neigen würde, und von der nationalistischen Vorbelastung dieser Volkskunst.
Eine Option im Umgang mit dem Wienerlied ist dann auch, entsprechend der Drahdiwaberl-Logik, die Verkehrung durch Überzeichnung: Extremschrammeln-Chef Roland Neuwirth, selbst ehemaliger Drahdiwaberl-Bassist, erzählt von einem frühen Auftritt in St. Pölten mit grell antisemitischen Texten zur gemütlichen Schrammelmusik, der im offenen Eklat endete. Dagegen berichtet Klemens Lendl von den Strottern, dass ihre gezielte Provokation mit einer satirischen Nationalchauvinismus-Hymne namens “Erst kommt Österreich” von der heurigenseligen Zielgruppe mitunter wohlwollend missverstanden wird.

Revolution und Geratrie
Immer wieder kreisen die Ausführungen der Künstler in “Herzausreißer” um die Frage nach einer genuinen Wiener Identität, die sich im Wienerlied erschließen würde. Von Identitätskrisen wegen Verleugnung des Wiener Erbes ist die Rede, und von einem unerwarteten Sich-Wiederfinden im überlieferten Liedgut. In der musikalischen Praxis erweisen sich derartige Essenz-Bestimmungen aber als angenehm biegsam. Orientiert sich die “erste Generation” des neuen Wienerlieds um Karl Hodina und Neuwirth am Blues, so hört man inzwischen Country-Geige (Die Strottern) ebenso wie lateinamerikanische Rhythmen (Walther Soyka und Karl Stirner.). Viele Stücke lässt Berger in voller Länge ausspielen, beobachtet dabei en detail das Handwerk des Musizierens, in dem sich jenseits kulturalistischer Zuschreibungen verblüffende Mischverhältnisse und Allianzen abzeichnen.
Es ist bezeichnend, dass im Gespräch gerade die Instrumentalisten die Einzigartigkeit des Wienerlieds relativieren. Gefragt, was ihn denn in Wien halte, fällt Ziehharmonika-Innovator Soyka dann auch nur das gute Trinkwasser ein. Sein zeitweiliger Musikpartner, der Zitherist Karl Stirner, bezeichnet das stilbildende Gezupfe der Wiener Gemütlichkeitsikone Anton Karas, weltberühmt durch die Melodien zum Wien-Noir “Der dritte Mann” (1949), als “geriatrisch”: Er selber bevorzuge den präzisen englischen Spielstil.
…..
Die Weltrevolution ist vertagt, stattdessen müssen sich die porträtierten Künstler beider Filme (gemeint ist: Drahdiwaberl) mit den Schönheiten, Unsitten und Abgründen der eigenen Umgebung herumschlagen. Mit Heimat hat das nichts zu tun.
Joachim Schätz, THE GAP, Magazin für Popkultur


ZITHERN STATT ZITTERN

Wenn es ein Wien-Klischee zum Hören gibt, dann wohl die Zither von Anton Karas in Der Dritte Mann. In Karin Bergers amüsantem Dokumentarfilm Herzausreißer legt Zitherspieler Karl Stirner freilich dar, dass es sich bei Karas' „geriatrischer“ Spielwiese allenfalls um ein „Zittern mit zwei t“ handelt.
Das klare, „englische“ Zithern des Dritten-Mann-Motivs führt Stirner dann auch gleich vor, diese instruktive Gegenüberstellung führt ins Herz von Bergers Film.
Dessen Untertitel Neues vom Wienerlied steht einerseits für den Versuch, die Faszination und Geschichte dieser Lokalmusikform auf eine Art zu ergründen, die deren schmalzige Klischees aufbricht.
Andererseits widmet sich Berger ausführlich jenen Musikern, die versuchen, das Wienerlied in moderner Manier neu zu denken. Wie der Knopfharmonikaspieler Walter Soyka: Er weiß – mit Zitherpartner Stirner – den „h-moll Tanz“ von Alois Strohmayer, einem Mitglied des legendären Schrammel-Quartetts, schön zu interpretieren, setzt aber auch laptoplastig mit Klangflächenunterstützung zum „vienna e-waltz“ an.

Wiener Wasser und Heurigen-Blues
Regisseurin Berger lässt (nicht nur) Soyka die trockene Eleganz seines Spiels in vollständigen Stücken vorführen. Der Musiker darf auch entsprechend trockenen Humor zeigen, das steht den zahlreichen Interviewpassagen dieses sympathisch unprätentiösen Films überhaupt gut an. Warum Soyka, ein selbst erklärter Heimatloser, in Wien bleibe? „Das Trinkwasser ist einfach besser.“
Viele Jahre ist der Harmonikaspieler auch mit Roland Neuwirths Extremschrammeln aufgetreten, das sorgt für eine der historischen Verbindungslinien, die Berger zwischendurch eher assoziativ als zwingend verfolgt: Wenig wissenschaftlich wohl, aber es gibt dem Film Zug. So schildert Neuwirth, wie er einst extreme Reaktionen auslöste. Das kontrastiert fein mit der Ruhe anderer präsentierter Neutöner, von den Strottern bis zum Kollegium Kalksburg.
Einig scheinen sich die verschiedenen Generationen von Revisionisten über die Nähe des Wienerlieds zu anderen Musikformen, bei 1930er-Material von Heurigensängerin Maly Nagl etwa darf man an zeitgleichen Blues denken. Auch für dessen Würdigung ist ja Trunk nicht notwendig, aber oft keineswegs abträglich. Wenn auch nicht folgenlos. Aber wie singen schon Helmut Qualtinger und André Heller weise in einem andern Archivfund? „Wean, du bist a Taschenfeitl unter an Himmel voller Schädelweh.
Christoph Huber, DIE PRESSE


HERZAUSREISSER

Der gelernte Wiener geniert sich ja oft aus Prinzip für sein Wienertum und hat folglich auch wenig Beziehung zu seinen Wurzeln. Karin Bergers amüsante Annäherung an das Wienerlied beginnt folgerichtig vorsichtig, nämlich mit einem Flug über Wien – untermalt von einem Ruf- und Leiertanz, einem instrumentalen Traditional, interpretiert von Karl Hodina. Genau genommen ist so ein instrumental gespieltes Wienerlied schon der erste von mehreren Brüchen bei dieser musikalischen Entdeckungsreise, gehört doch ein solches Lied gesungen bzw. wenigstens “gedudelt”. Das Was und Wie des Wienerlieds wird zu ergründen versucht, Vincenz Wizlsperger, seines Zeichens genialer Texter der brachialen Wienerlied-Interpreten Kollegium Kalksburg erklärt es zur “vom Aussterben bedrohten Wiener Volksmusik, oder?” Doch Regisseurin Karin Berger erklärt im weiteren Verlauf fast beiläufig, was das Wienerlied alles nicht (mehr) ist. Sie lässt Oskar Aichinger am Klavier I hab kan Zins no zahlt interpretieren, während sie das Lied mit Filmausschnitten aus dem Jahr 1936 unterlegt, in denen die legendäre Maly Nagl dasselbe Lied singt. Oder um Walter Mallis schräge Saxofon-Improvisation von ….was kümmern mi die Zeiten, I wü nur sölich sei auf beinahe schon absurde Weise im Schrammeln-Himmel von Geza von Bolvary aus dem Jahr 1944 in der “Quintessenz des Wienerlieds” (Oskar Aichinger) gipfeln zu lassen. Auf Klemens Lendls (Die Strottern) Versuch, die Erotik Walther Soykas und seiner chromatischen Knopfharmonika zu beschreiben, folgt ein ohnrenbetäubender, Synthesizer-unterstützter vienna e-waltz, den sich Roland Neuwirth, Mastermind der Extremschrammeln (bei denen Soyka lange Zeit gespielt hat) wohl nicht im Entferntesten in einem Wienerlied-Film hätte vorstellen können. Ein Highlight ist auch die Sequenz mit Soykas Zither-Partner Karl Stirner, wenn er das “geriatrische Zittern” à la Anton Karas einer klaren “englischen” Spielweise gegenüberstellt.
Wenn auch die zeitgenössische Wienerlied-Szene ein wenig unübersichtlich und unvollständig bleibt und einige musikwissenschaftliche Details nicht ausreichend erklärt werden, ist HERZAUSREISSER doch eine sehens- und liebenswerte Dokumentation, die nicht nur zeigt, dass die neue Generation der Wienerlied-Interpreten modern, unsentimental und sogar groovig, aber dennoch tief verwurzelt im Wiener Schmäh agiert, sondern auch ganz nebenbei Kritik an den sozialen Verhältnissen von damals (und heute) mitschwingen lässt.
Dagmar Haier, RAY FILMMAGAZIN 06/08


Das Grauen larmoyanter Heurigengesänge und die Schrecken klingender Wiener Touristenattraktionen sind diesem Film fern. Er unternimmt nicht weniger als die umfassende Rehabilitierung einer weithin ungeliebten Tradition. Die Filmemacherin Karin Berger (“Ceija Stojka”) befragt in “Herzausreißer”, ihrem jüngsten Dokumentarfilm, der am Donnerstag dieser Woche als profil-Premiere im Wiener Gartenbau seinen Kinostart feiert, eine Reihe von Musikern nach ihre aktuellen Zugängen zum Wienerlied. Dieses hat sich letzthin, wie auch die vielen Musikdarbietungen in “Herzausreißer” demonstrieren, als erstaunlich mischfreudig erwiesen: Jazz und Blues sind darin ebenso zu verzeichnen wie lateinamerikanische Einflüsse.
Das – fast schon naturgemäß – lakonisch agierende Personal vor der Kamera gewährleistet den Unterhaltungswert dieses Films: Von Roland Neuwirth und dem Akkordeonisten Karl Hodina, die in ihren Crossover-Kompositionen bereits seit Jahrzehnten erfolgreich an der Aufwertung ihrer Gattung arbeiten, reicht Bergers Bogen über jüngere Exponenten wie Walther Soyka, Tini Kainrath und Doris Windhager bis hin zu Gruppen wie den Strottern und dem Kollegium Kalksburg, das sich etwa auf Qualtinger und Artmann beruft. Die Geschichte des Wienerlieds reicht freilich noch weiter zurück, wie etliche Rückblenden in Vorkriegs-Archivmaterial belegen.
Stefan Grissemann, PROFIL

DIE REBLÄUSE SIND LOS

Volksmusik hat es in der Stadt schwer, besonders in Wien. Heurigenseligkeit, Larmoyanz, Chauvinismus: Diese Zuschreibungen wird die taditionelle Wiener Volksmusik nicht los. Sogar Roland Neuwirth, Walther Soyka oder Klemens Lendl vom Duo “Die Strottern” bekennen, dass sie ursprünglich nichts mit dem Wienerlied am Hut gehabt hätten. Und dennoch haben sie alle zur taditionellen Wiener Volksmusik gefunden, wie sie in dem Dokumentarfilm “Herzausreißer” erzählen, der sich den zeitgenössischen Interpreten des Wienerliedes abseits klassischer Schrammelmusik widmet. Regisseurin Karin Berger zeigt in ihrem wunderbaren, uneitlen Film, wie sich die Protagonisten des “neuen Wienerliedes” das weithin gering geschätzte Genre angeeignet haben.
Er sei immer ein Blues-Fan gewesen, erzählt Roland Neuwirth, der einst mit seinen Extremschrammeln Rock und Wienerlied fusionierte, doch eines Tages habe er zu Kenntnis nehmen müssen, nicht in Chicago, sondern in Wien geboren zu sein. Karl Hodina, Komponist moderner Wienerlied-Klassiker wie “Herrgott aus Stan” oder “I liassert Kirschen für di wachsen” schildert seinen persönlichen Ausgangspunkt: In Brasilien oder in den USA referiere zeitenössische Musik ganz selbstverständlich auf die jeweilige traditionelle Musik – warum nicht auch in Österreich? Hodina war es, der in den 1970er Jahren dezent Elemente des Jazz ins Wienerlied einbrachte und so eine Renaissance einläutete. Zuvor hatten schon H.C. Artmann und Helmut Qualtinger ans traditionelle Wienerlied angeknüpft. Vielleicht waren doch mehr Menschen als angenommen im früheren Leben eine Reblaus.
Michael Krassnitzer, DIE FURCHE

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Die Suche nach dem Verwertbaren und Erträglichen im Althergebrachten ist vielleicht das Gemeinsame aller porträtierten Künstler, auch und gerade der "Veteranen" wie Karl Hodina, Oskar Aichinger oder Ernst Kölz. "Der Tod ist oft dabei", erzählt letzterer, der auch einige seiner Artmann-Vertonungen zum Besten gibt. Nur dass es für die Wiener einen extra Himmel gibt, "wie ein riesiger Heuriger". Auch dass der Wiener im Dreiviertel-Takt spricht, mag man für eine nostalgische Mär halten. Doch von ihnen bleibt hier nur ein zarter, bittersüßer Nachgeschmack. Denn statt kurze musikalische Auszüge um süßliche Anekdoten zu ranken, hat Karin Berger vollständige, für sich selbst stehende Wiener Musik in den Mittelpunkt gestellt. Fast schon verwegen.
APA ria/ley

 

JENSEITS VON KITSCH
Der Film zeigt eine Spurensuche, die nicht streng chronologisch verläuft, die Art, wie die ZuseherInnen durch das Thema geführt werden, ähnelt einem planvollen Flanieren, einer Bewegung, die auch mehrmals die selben Punkte berührt. (…) Karin Berger begnügt sich nicht damit, ein paar Konzertauftritte abzufilmen und deren InterpretInnen Anekdoten zum Besten geben zu lassen, sondern sie verbindet Biografisches mit Historischem und Musiktheoretischem. Das verwendete Archivmaterial hat Karin Berger nicht als beliebige Bebilderung eingesetzt, die Fotos, die Ausschnitte aus Kinofilmen und Fernsehbeiträgen dokumentieren natürlich einerseits Vergangenes, andererseits erzeugen sie im dialektischer Hinsicht neue Sinnzusammenhänge. So schafft die Regisseurin eine vielschichtige Darstellung. Persönlichkeiten, Klänge und vor allem der Sprache wird Raum geboten. Die Kamera führt die einzelnen Charaktere nicht vor und bleibt stets in Augenhöhe mit den Leuten und zeigt sie als Akteure der Geschichte, an der sie teilnehmen. Der Verzicht auf einen gesprochenen OFF-Kommentar lässt den BetrachterInnen die Möglichkeit, eigene Verknüpfungs- und Anknüpfungspunkte zu finden.
Jenny Legenstein, AUGUSTIN, Juni 2008

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TEXTE

HERZAUSREISSER
Isabella Reicher

Das Wienerlied ist eine Herzensangelegenheit und ein Problem. Erblich erheblich vorbelastet mit Kitsch und Heurigenseligkeit, Chauvinismus und Larmoyanz, hat es in zeitgenössischen Reinkarnationen wieder zu seiner wilden, undisziplinierten Seite gefunden: Dann tönt es unverblümt und offen, komisch und hintersinnig, poetisch und zart, düster und manchmal so traurig-schön, dass es einem das Herz zerreißt.

Auch die in diesem Sinne musizierenden Forscher und Sammler, Melancholiker, Provokateure und Umstürzler, die in Karin Bergers Dokumentarfilm Herzausreisser ausführlich zu Wort kommen, haben zum Wienerlied ein anhaltend ambivalentes Verhältnis. Aber sie haben sich dieses Stück Wiener Populärkultur, von dem keiner endgültig sagen kann, was es nun eigentlich ist, auf ihre je eigene Weise erarbeitet und anverwandelt. „Identitätskrisen“ überwunden, Klischees und Vorurteile ausgemustert, Vorbilder und Klänge ausgeforscht, ihre Instrumente gefunden. Auch von diesen individuellen Aneignungsprozessen erzählt der Film.

Die fragende Bewegung von Herzausreisser führt aber zuerst ein Stück weit in die Vergangenheit: Ins Nachkriegswien, in dem das Wienerlied als Teil der Alltagskultur noch präsenter war. Bald brachten Literaten wie H.C. Artmann das Wienerische – oder allgemeiner: Dialekt – in ihren Texten neu zum Klingen, unterstützt von kongenialen Interpreten wie Helmut Qualtinger. Und immer wieder (von Karl Hodina bis Kollegium Kalksburg und darüber hinaus) eröffnete die Begegnung mit, die Sehnsucht nach anderen Musikkulturen neue Zugänge zur Tradition vor Ort: „I tät zwoa gean in Chikago auf d’ Wöd kumman sein, i bin owa in Wien auf d’ Wöd kumma.“ (Roland Neuwirth)

Das, wovon geredet wird, kann man in Herzausreisser auch hören. Das Wienerlied swingt. Es hat den Blues. Aktuell scheint man es bevorzugt mit lateinamerikanischen Einflüssen zu verschneiden. Interviewpassagen wechseln einander mit musikalischen Darbietungen ab. Keine aufs Stichwort verabreichten Häppchen, sondern vollständige Musikstücke. Die Kamera notiert Fingertänze über Knopfreihen oder auf Zitherseiten, das Mienenspiel der Sängerinnen und Sänger, das Nachgeben und Mitgehen der Körper.

Hörbar wird gleichzeitig auch, wie das Intonieren des Wienerischen beim Reden und Singen zusammen hängen. Im Sprechen der Befragten genau so wie zum Beispiel in jener Szenenfolge, die an eine Lesung von H.C. Artmann aus der „schwoazzn dintn“ mit der pointierten Vertonung des Textes durch Ernst Kölz (dem Komponisten der „Schwarzen Lieder“ in den frühen 60er Jahren) anschließt:
„heit bin e ned munta wuan,
de bendlua schded no ima
und dea schneeane engl schdet doo
und schaud me au wia r e so ausgschdregta doolig
und mei schlof is scho soo diaf
das ma glaaweis und launxaum
winzege schdeandaln aus eis
en de augnbram
zum woxn aufaungan“

 

EXTASE, SCHMALZ UND ANARCHIE
Kommentar Karin Berger

Am Beginn meiner Arbeit für diesen Film stand ein Bild meiner Vorstellung – eine Filmszene in schwarz-weiß: Wienerinnen und Wiener singen in nostalgischer Kleidung ein Wienerlied. Sie sind beim Heurigen und sind etwas betrunken.
Bei der Recherche für Herzausreisser habe ich dieses Bild dann gefunden - im Spielfilm “Schrammeln” aus dem Jahr 1944: Extatisch gesungenes Wienerlied, kollektiver Heurigenrausch, gemeinsames Weggetreten-Sein. Nun bildet es einen zentralen Punkt des Filmes, zu dem er sich hinbewegt, den er aber bald wieder verläßt. Heinz Conrads repräsentiert mit “I brauch kan Lido und kan Palazzo” noch ein Beispiel der schmalzigen Liedvariante, dann wendet sich die Erzählung in eine neue Richtung: Vincenz Wizelsberger vom Kollegium Kalksburg spricht von den Einflüssen Qualtingers, Kölz’ und Artmanns auf seine Arbeit.
Was mich selbst für diesen Film motiviert hat, findet sich in dieser Sequenz: Aufgewachsen auf dem Land mit Schwarz-weiß-Filmen der 40er und 50er Jahre, an Samstag Abenden durch Heinz Conrads-Sendungen sozialisiert und - nach meiner Ankunft in Wien - von H.C. Artmann und Helmut Qualtinger begeistert.
Der Film oszilliert zwischen Biografischem und Musikalischem, bezieht beides aufeinander, bindet es in einen historischen Prozess ein. Er ist eine Suche geworden, eine Begegung mit Musikerinnen und Musikern. Was treibt sie an? Wie gehen sie mit der Tradition um? Was verbindet sie mit Wien? Die Künstler haben Zeit, nachzudenken, während sie für den Film sprechen, gehen in die Tiefe ihrer Reflexion, lassen das Publikum an Prozessen teilhaben. Sie erzählen zwar von ihren individuellen Zugängen, weben aber an einem gemeinsamen Teppich.
In Herzausreisser geht es um ein Grüpplein Unverdrossener und Verwegener, das nach eigener Wiener Musik sucht, sie für sich brauchbar macht, in den letzten Jahrhunderten kramt, Altes und Neues verbindet, schöne Melodien findet, sich über das Wienerlied lustig macht, und - als Antithese zu Kitsch und Sentimentalität - auch wieder schwarze Seiten zum Klingen bringt.
Thematisch geht es um Inhalte und Formen der Wiener Populärmusik, um Fernweh und Hierbleiben, um Liebe, Tod und Alkohol, um männliches Selbstmitleid und Resignation.
Es geht aber auch um: Schöne Instrumentalmusik, differenzierte Klänge, die Einflüsse des Slawischen oder die Bedeutung der Wiener Sprachfärbung für die Musik.
Der Film streunt durch die Geschichte, er folgt den Spuren und Aneignungsweisen von Wiener Populärmusik nach 1945. Die erste neue, auf das Wienerlied bezogene Komposition nach der Hochblüte des Süßlichen im NS-Unterhaltungsfilm war von schwarzem Humor inspiriert. Ernst Kölz vertonte in den frühen 60er Jahren Texte aus H.C. Artmanns “med ana schwoazzn dintn”, Helmut Qualtinger interpretierte sie – ein “trio congenial”. Bald nach diesen “Anti-Wienerliedern” ließ der Akkordeonspieler Karl Hodina Jazz und Blues in seine neuen Lieder einfließen und begann damit eine Renaissance des traditionellen Wienerliedes. Seine erste Komposition war ebenfalls eine Vertonung eines Gedichtes von H.C. Artmann. Der Bogen des Filmes spannt sich von diesen “Vorläufern” zu neueren musikalischen Versuchen wie jenen des Kollegium Kalksburg, das anarchisch und wild mit der Tradition verfährt.
Gemeinsam ist allen Musikerinnen und Musikern, dass sie aus alten Ingredienzien Neues gestalten. Traditionelles spielt eine Rolle, oft aber nur mehr verpackt als Zitat: Alte Harmonien werden mit Blues und Jazz verbunden, lateinamerikanische Rhythmen mit Wiener Dialekttexten, alte Instrumentalmusik unschmalzig, “englisch” interpretiert.
Alle Protagonisten suchen und finden auch. Was sie finden, bleibt ambivalent und so auch der Ton des Filmes. Es gibt keine wirklichen Sieger. Eine Möglichkeit zur Katharsis bietet der Film erst am Schluss. Das Kollegium Kalksburg spielt mit anderen Musikern in einem hellen Raum das Che Guevara-Lied auf wienerisch (I moch bresln und brobleme!) - Keine heimelige Wirtshausstube mehr, sondern modernes und kühles Ambiente. Es zerfällt so Einiges.
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