
Träume
ich, dass ich lebe? *
Befreit aus Bergen-Belsen.
Picus Wien 2005
*gemeinsam mit Ceija Stojka
Ceija Stojkas autobiografische Erzählung von
der Befreiung aus Bergen-Belsen.
Wie durch ein Vergrößerungsglas richtet Ceija Stojka ihren Blick auf ihr Überleben im Konzentrationslager Bergen-Belsen. Von Anfang 1945 bis zur Befreiung durch die britische Armee ist das elfjährige Mädchen mit seiner Mutter in einen Teil des Lagers gesperrt, der aus einem kahlen Stück Erde mit baufälligen Baracken, umgeben von vier Wachtürmen, besteht. Nach den ersten drei Wochen erhalten die Häftlinge keine Nahrung und kein Wasser mehr und sind gezwungen das zu essen, was sie finden können: alten Stoff und Gras, Leder und Wolle. Am Morgen lecken sie den Tau vom Stacheldraht und nachts schlafen sie, solange es kalt ist, zwischen den Toten. Die Sterblichkeit im Lager ist hoch, täglich wachsen die Leichenberge an. Inmitten dieses Grauens schaffen sich Ceija und ihr Freund Burli eine imaginäre Welt. Sie spielen ihre Kinderspiele, auch mit den Toten. Als die britische Armee Bergen-Belsen befreit, erleiden viele der Soldaten einen Schock. Etwa 35.000 unbegrabene Tote befinden sich im Lager und 60.000 Überlebende, von denen viele krank sind. Auch nach der Befreiung sterben noch etwa 13.000 weitere Häftlinge an den Folgen der Bedingungen im Lager. Ceija Stojka hat erlebt, wozu Menschen fähig sein können, ihre Erinnerung an die Grausamkeit ist jedoch ohne Hass oder Verbitterung. Sie schildert ihr Erlebnis der Befreiung, den Genuss des ersten richtigen Essens nach langer Zeit und das unbegreifliche Gefühl, wieder frei zu sein.
distributed by: http://www.picus.at

2007 übersetzt ins Italienische:
FORSE SOGNO DI VIVERE. Una bambina rom a Bergen-Belsen. La Giuntina, Collana:
Schulim Vogelmann, Firenze
Reduce dalla deportazione ad Auschwitz e Ravensbrück, l'undicenne Ceija Stojka giunse nel campo di concentramento di Bergen-Belsen al principio del 1945. Vi sarebbe rimasta - insieme alla madre e ad altri parenti - fino all'aprile dello stesso anno, quando il lager venne liberato dai soldati dell'esercito britannico. Di lì a poco poté intraprendere il lungo viaggio per tornare nella sua città, Vienna. Dopo oltre mezzo secolo, l'ormai settantenne Ceija Stojka ricorda i mesi trascorsi a Bergen-Belsen. Descrive senza enfasi la spaventosa quotidianità - l'onnipresenza della morte, il tormento della fame, le violenze subite, la ferma volontà di sopravvivere - e ce ne restituisce un'immagine vivida. Pur avendo visto di quali crudeltà gli esseri umani sono capaci, le parole di Ceija Stojka non tradiscono odio né amarezza. Da esse traspare piuttosto un ostinato interrogarsi su un aspetto: come hanno potuto, tanti uomini, mettersi così ciecamente nelle mani di un altro uomo, di un regime sanguinario? Il suo racconto non fornisce risposte al riguardo ma trae esplicitamente origine da una impellente necessità: ricordare per combattere la sopraffazione e l'oblio, poiché ciò che è stato può ripetersi.
PRESSESTIMMEN
DIE TOTEN, UNSER SCHUTZ
Ceija Stojka hat gemeinsam mit Karin Berger ein neues Buch geschrieben.
Im schmalen Band “Träume ich, dass ich lebe?” erzählt
sie von den vier Monaten, die sie mit einem Teil ihrer Familie in Bergen-Belsen
zubrachte, und vom langen Weg zurück nach Wien. Wie in ihren autobiographischen
Büchern ”Wir leben im Verborgenen” und “Reisende
auf dieser Welt” berichtet die Autorin aus dem Blickwinkel des Kindes,
der zehnjährigen Gretl, wie Ceija damals gerufen wurde.
Die Passagen über den Aufenthalt in Bergen-Belsen, der Kern des Buchs,
sind eine Erzählung von der Liebe zu Lebenden und Toten und davon,
wie der Wille zum eigenen Überleben untrennbar mit dieser Liebe verbunden
war. Das Mädchen und seine Familie lebten damals von und mit den
Toten, die in größeren und kleineren Haufen überall im
Lager herumlagen. Sie trugen ihre Kleider, sie schlossen ihre Augen, sie
krochen zum Schlafen in sie hinein und spielten mit ihnen Ball: “Eigentlich
sind sie uns nach der Befreiung dann abgegangen, die Toten. Sie waren
unser Schutz und es waren Menschen. Menschen, die wir gekannt haben. Wir
haben aber auch von denen, die wir nicht gekannt haben, gesagt, sie gehören
uns. Das sind unsere Leute und wir sind nicht allein. Wir waren auch nicht
allein, weil wir von so vielen Seelen umschwirrt waren.”
Die Häftlinge, vor der Befreiung monatelang sich selbst überlassen,
hatten nichts. Kein Essen, nichts zu trinken, keine Kleider. Bergen-Belsen,
schreibt Ceija Stojka, könne man sich nicht vorstellen: “Man
muss dort hingehen und sich das ansehen.” Denn: “Die wahre
Wahrheit, die Angst und das Elend, und was sie wirklich mit uns gemacht
haben, kann ich dir nicht erzählen.” Wieso dann dieses Buch?
Und weshalb es lesen? Um sich gemeinsam mit der Autorin über den
menschlichen Willen, die Liebe, das Leben an sich zu wundern: “Dann
haben wir unsere Finger angeschaut, und haben uns selber abgetastet, weil
wir es nicht glauben konnten.” Mit ihrem bemerkenswerten erzählerischen
Geschick, ihrer konkreten Sprache und ihrem oft poetischen Ausdruck erreicht
die Autorin, dass der Leser nicht in namenlosem Entsetzen gefangen bleibt,
sondern es irgendwie nachvollziehen kann, wenn die heute über Siebzigjährige
sagt: “Immer, wenn ich nach Bergen-Belsen gehe, ist das wie ein
Fest! Die Toten schwirren herum. Sie kommen raus, rühren sich, ich
spüre sie, sie singen, und der Himmel ist voller Vögel. Es ist
nur ihr Körper, der dort liegt. Sie sind raus aus ihrem Körper,
weil sie ihnen ja mit Gewalt das Leben genommen haben. Und wir sind ihre
Träger, wir tragen sie mit unserem Leben.”
Darin liegt die ganz besondere Qualität des Buches: Aus dem, wie
der eingangs zitierte Schriftsteller Imre Kertesz schrieb, “unermesslichen
Wissen”, zu dem der Holocaust über “unermessliches Leid”
geführt hat, schöpft die Autorin Hoffnung und Trost.
Michael Wogg, dROMA 10/06, Juni 2006
UNBEDINGTER WIDERSPRUCH
Die Autorin, Malerin und Sängerin Ceija Stojka, 1933 in der Steiermark
geboren, wagte 1988 Außerordentliches: Unter dem Titel “Wir
leben im Verborgenen” publizierte sie ihre Erinnerungen an die Schrecken
der Konzentrationslager – von den rund 200 Mitgliedern ihrer Familie,
die 1941 nach Auschwitz und Bergen-Belsen deportiert wurden, haben nur
sie selbst, ihre Mutter und vier Geschwister überlebt. In “Träume
ich, dass ich lebe?” setzt Stojka ihre ergreifende Erzählarbeit
nun fort, unterstützt, wie seit Jahren, von der Filmemacherin Karin
Berger. Der Schrecken hat sich für alle Zeit ins Gedächtnis
gebrannt: “Wir wollten etwas tun, und wenn wir nichts zu tun gehabt
haben, haben wir die Toten umgedreht, damit sie nicht verkehrt liegen.
Damit sie mit dem Gesicht nicht nach unten schauen, sondern hinaufschauen
zu Gott.” Am 25. April 1945 wurde Bergen-Belsen von der britischen
Armee befreit, Ceija Stojka war damals elf Jahre alt, vier Monate war
sie in diesem Konzentrationslager interniert. “Ich drehe mich um
und bin schon wieder dort”, schreibt sie in “Träume ich,
dass ich lebe?”, einem Buch, das den unbedingten Widerspruch gegen
die Verfechter des Vergessens setzt.
W.P., PROFIL, Jänner 2006
JENSEITS DES VERSTEHBAREN
Wer glaubt, nach der Lektüre von Ceija Stojkas Erinnerungen an Bergen-Belsen
verstehen zu können, was KZ bedeutet, irrt. Es bleibt der Verzehr
von Stoffresten, Schuhen, unvorstellbar, so wie die Leichenberge, in denen
die Autorin als damals Elfjährige monatelang schlief, weil sie Wärme
boten. Das liegt nicht daran, dass Ceija Stojka etwa vage oder distanziert
schreiben würde, im Gegenteil, ihre Sprache ist eindringlich und
detailreich, bleibt noch lange nach der letzten Seite im Ohr. Die Unvorstellbarkeit
hat ihre Ursache in der Monströsität des Beschriebenen, nicht
in der Art der Beschreibung. Und Ceija Stojka unternimmt erst gar nicht
den aussichtslosen Versuch, die Gefühle eines in diese Monströsität
gestoßenen Mädchens zu beschreiben. Die rund 120 Seiten handeln
von Tatsachen, nicht von Gefühlen. Ceija Stojka erzählt von
der beginnenden Verfolgung in Wien, vom tagelangen Verstecken in einer
Laubhöhle im Park. Sie berichtet, wie der Stacheldraht in Bergen-Belsen
ausgesehen hat, neu und glänzend, und wie die dahinter gestapelten
Leichen. Sie berichtet vom Geschmack der jungen Grashalme im Frühjahr
und davon, dass die meisten Frauen keine Decke mehr hatten, weil sie diese
im Winter aufgegessen hatten. Sie schildert einen Ausnahmezustand, und
wie dieser rasch Alltag wurde, erinnert sich an die makabren kindlichen
Zeitvertreibsmöglichkeiten im KZ. Das Wort Hoffnung findet sich nirgendwo,
aber viel schreibt sie von ihrer Mutter und den Gesprächen mit den
Frauen um sie herum, in denen sie sich gegenseitig daran erinnerten, dass
es etwas gibt, jenseits des Waldes von Bergen-Belsen, für das es
sich lohnt durchzuhalten.
Dieser Bericht ist detailliert, nimmt sich kein Blatt vor den Mund, benennt
Gerüche, Geräusche, Körperliches. Und trotzdem: “Die
wahre Wahrheit, die Angst und das Elend, und was sie wirklich mit uns
gemacht haben, kann ich dir nicht erzählen”, sagt die Autorin
im Lauf der Interviews, auf dem dieser dritte Teil ihrer Autobiographie
aufbaut.
Verstehen im Sinne von “nachvollziehen können” kann nicht
entstehen. Es ist eine andere Spur, die dieses Zeugnis hinterlässt.
Seite für Seite wächst eine jenseits von Fakten und Zahlen angesiedelte
Schicht des Wissens. Solcherart Mitwissende zu werden, verrückt den
Blick auf die mühsamen Restitutionsprozesse, wie aktuell um die Klimt-Bilder,
einmal mehr wohltuend in Richtung Scham und Wut.
MK, ASYL AKTUELL, Mai 2006
TRAUMA FÜRS LEBEN
…….
Ceija Stojka erzählt vo einer Kindheit in Bergen-Belsen, von Hunger,
Kälte, Angst und Tod. Sie erzählt mit den Worten der Elfjährigen,
die sie damals war, für das Kind ist das Unfassbare Alltag geworden
– und ein Trauma fürs Leben.
…..
Sie schreibt in Romanes und Deutsch, tief in der Erzählkunst der
Roma verwurzelt, vor allem Gedichte, Lieder und autobiografische Texte
wie “Wir leben im Verborgenen” und “Reisende auf dieser
Welt”. In “Träume ich, dass ich lebe?” setzt sie
sich mit den schrecklichsten Jahren ihres Lebens auseinander: “Die
wahre Wahrheit, die Angst und das Elend, und was sie wirklich mit uns
gemacht haben, kann ich nicht erzählen.” Aber was sie tatsächlich
erzählt, ist unvergesslich.
Sabine E. Dengscherz, DIE FURCHE, Februar 2006
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