
Wir
leben im Verborgenen*
Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin
Erstausgabe, Picus Wien 1988
In ihrer 1988 erstmals erschienenen, Aufsehen erregenden Autobiografie, die ein enormes Presseecho auslöste, erzählt Ceija Stojka in eindringlichen und unmittelbaren Worten, was sie als Kind in Auschwitz, Ravensbrück und Bergen-Belsen durchmachte. Ihre Aufzeichnungen waren die bis dahin ersten veröffentlichten Zeugnisse der Schrecken der Konzentrations- und Vernichtungslager aus dem Erleben der Sinti und Roma. Sie brach damit aber nicht nur das Schweigen über die Verfolgung dieser Minderheiten im Nationalsozialismus, sondern initiierte zudem einen Prozess der Auseinandersetzung mit der bis dahin fast unbekannten Lebensweise und Geschichte der ins Verborgene gedrängten Volksgruppen. Denn im zweiten Teil des Buches erzählt sie im Gespräch mit Karin Berger auch von der Zeit, als sie noch mit ihrer Familie durch Österreich reiste, ebenso wie über ihr Leben nach 1945, wie sie sich heute als Romni fühlt und davon, wie sie mit ihren Erinnerungen lebt.
distributed by: www.picus.at

1998 übersetzt ins Japanische

2006 übersetzt ins Niederländische:
WIJ LEVEN IN HET VERBORGENE. Herinneringen van een Roma-Zigeunerin.
Van Gennep Amsterdam 2006

2008 übersetzt ins Tschechische:
ZIJEME VE SKRYTU. Vyprávení rakouské Romky.
Übersetzung in das Tschechische. Argo

WIR LEBEN IM VERBORGENEN. Erinnerungen einer Rom-Zigeunerin
2003 4. Auflage
PRESSESTIMMEN
ERINNERUNGEN EINER ROM-ZIGEUNERIN
……
In den Gesprächen erfährt man vieles von der unbeschwerten Kindheit,
als die Großfamilie noch durch Österreich zog, und von den
sich verdüsternden Zeiten nach 1938, als das Fahren den Zigeunern
verboten wurde. Man erfährt auch, dass sich in den seit dem Krieg
vergangenen vier Jahrzehnten nicht viel an den Vorurteilen gegenüber
den Roma und Sinti geändert hat. Das führt dazu, dass sie lieber
“im Verborgenen leben” und sich meist ungern zu erkennen geben.
Es liegt aber in der Natur dieses Volkes, sich trotz allem das Leben ein
wenig leichter zu machen. “Sie geniessen das Leben. Sie beschützen
und lieben sich, und sie haben einen gewissen Stolz, sagt Ceija Stojka,
die sich als Marktfahrerin durch das Leben schlug und die auch Lieder
und Liedtexte schreibt. Ein ungewöhnliches Buch, das auch die traditionellen
engen Bindungen in einer Zigeunerfamilie illustriert und deshalb auch
in der Schweiz zur Kenntnis genommen werden sollte.
E.H. , NEUE ZÜRCHER ZEITUNG
……
Ceija Stojka, die österreichische Roma, die als Kind nicht schreiben
lernen durfte, schreibt wie ein Kind: unsentimental, unbeirrbar geradeaus
und schecklich genau. Die “neue Heimat” , von der sie erzählt,
heißt Auschwitz, danach kommen Ravensbrück und Bergen-Belsen:
ein zwölfjähriges Kind, dem Hungertod nah, umringt von Leichenbergen,
die ihm über den Kopf wachsen. ….
Sie ist eine stolze, starke Frau; ihr Buch richtet sich gegen Unterwerfung
und Schweigen, gegen das “Leben im Verborgenen”, und was sie
zu erzählen hat, ist außerordentlich.
DER SPIEGEL, Februar 1989
VON DER HÖLLE INS PURGATORIUM
Das Bedenkjahr ist vorüber, der Staat hat seine Pflicht getan, jetzt
kann man weitermachen, gewonnen hat die Kirche. Es wurden Kränze
abgelegt, es wurden Mahnreden gehalten, sogar das Protokoll hat man geschaukelt
in dieser schweren Zeit. Doch eine Minute hat man geschwiegen im Hohen
Haus. Das war die schönste Zeit des Jahres. Sonst aber haben sie
sich das Maul zerrissen, die Repräsentanten öffentlicher Moral.
Mit Schielen auf die ausländische Presse haben sie Erinnerung gefordert
von jenen, die gern vergessen möchten und nicht können, weil
die Erinnerung sie verfolgt bis auf den heutigen Tag. Denn nicht die Täter
sind es, es sind Opfer, welche die Vergangenheit verfolgt. Auf ihrem Rücken
wurde Aufarbeitung zum Spektakel, sogar der Streber in der Hofburg hat
dafür Sendezeit verbraucht, urbi et orbi predigt er noch immer seine
ewige Mitläufermoral. Schließlich will man europareif werden.
Jetzt sind sie es alle zufrieden.
Schluß und Höhepunkt des Rummels ist contre Coeur die Enthüllung
des Hrdlicka-Denkmals gewesen, mit dem die Aufklärung scheinbar triumphierte,
indem sie sogar das Match um den Platz gewann. Tatsächlich triumphierte
damit bloß die Sinnausbeutung der Opfer. Gegen “Krieg und
Faschismus” soll das Mahnmal zeugen, gleich in einem Aufwasch, den
es zur pikanten Pointe stilisiert: So geduldig ist der Stein. Es steht
buchstäblich für die Leichen im Keller, für die echten
und die metaphorischen, wie für jene, die in Auschwitz durch den
Kamin gefahren sind. Ob einen die Nazis erschlugen oder die amerikanischen
Bomben, ob man Opfer des Verbrechens war oder des Krieges gegen die Verbrecher,
ein Opfer war man allemal. So wird die Volksgemeinschaft restituiert,
diesmal für das Volk im kleinen. Was ein Mahnmal für Geschichte
werden sollte, vernichtet Geschichte noch einmal, indem es den Toten die
Geschichte ihres Todes raubt. Metaphysisch sind sie vereint als Tote sans
phrase, aber mit sehr viel Phrase werden sie zum Humus der Republik zusammengelogen:
Die ist wie ein “Phallus aus der Asche” entsprungen und erhebt
sich als Menhir gleich hinter dem sinnprallen Arsch eines transhistorischen
Orpheus: Republica erecta est, komischerweise das einzig Weibliche in
dem Spektakel. So was nennt man integrale Entsorgung.
Im Hrdlicka-Denkmal, das mit Recht so heißt, zwinkert in der Anklage
schon die Versöhnung mit. Es ist in Wahrheit bloß Theaterdonner
und bramarbasierende Austrotümelei. Das haben seine Gegner noch nicht
kapiert, aber später werden sie es ihm danken: jene nämlich,
die den Juden knieen ließen, denn die kamen durch kein enges Tor
herein, die waren schon da und sind es als Typ noch immer, wie mancher
Jude weiß, der U-Bahn fährt, und das Tor stand sperrangelweit
offen. So entlastet das Denkmal, das sich als Anklage gibt, indem es die
Schuld teils ins Ausland, teils ins Metaphysische schiebt. Die Gewalt,
die es schildert, ist selber ein Torso: Es identifiziert die Täter
nicht und differenziert nicht die Opfer. Die Begriffshauerei schafft nur
verwaschene Bilder, die dem Begreifen eher hinderlich sind.
Zur Sinnstifterei hat es durchaus gepaßt, dass bei der Eröffnung
auch zwei Priester sprachen, persönlich gewiss integere Leute, gleichwohl
als Vertreter jener Kirchen, die den Antisemitismus jahrhundertelang gepredigt
haben. Denn so wie diese heute gnädig den Juden die Hände reichen,
sofern sie nur gute Juden sind und wieder an den Gott ihrer Väter
glauben, so zimmert das Mahnmal die Extreme zusammen, sofern sie nur irgendwie
staatstragend sind. Gute Menschen sind jene, die an einen Sinn im Transzendenten
glauben, die konfessionelle Fraktion ist fast schon egal, aber der Rest
ist gottloses Gesindel und hat keine Moral, das war die Botschaft, die
sie verkündet haben.
Nichts zu reden hatten jene, mit denen auch heute kein Staat zu machen ist, wie sogenannte Asoziale, Schwule oder Zigeuner. In den KZs hatten sie eigene Winkel, aber Vertreter beim “Bedenken” hatten sie nicht. Als ein paar von ihnen murrten, hat sie wie eh und je die Polizei abgeführt. Sie haben die patriotische Andacht gestört, die Geschichte in Geschichtlichkeit und Metaphysik verdampfte. Wie die synthetische Archaik auf dem geschwätzigen Denkplatz, so raunte auch die ökumenische Liturgie seiner Eröffnung den sattsam bekannten Ursprungsmythos daher: dass aus dem Leiden der in Gott Gerechten die Republik entstanden sei.
In Wahrheit ist sie das Produkt von Großmachtpolitik,
von russischen Panzern und B-17-Geschwadern, wie Konrad Liessman zu Recht
geschrieben hat. Und ebeso wahr ist seine These, dass diejenigen, die
1938 gegen den Faschismus waren, notwendigerweise für den Krieg sein
mussten. Denn nur so war Befreiung zu erhoffen, nicht duch irgendeine
Wegbeterei – wobei die Oberbeter damals ohnehin zum Heil Hitler
Amen sprachen. Dabei haben selbst wir Kinder damals, sicher auch Klein
Hrdlicka, deren Eltern weder Heil Hitler noch Amen sagten, gewusst, dass
die amerikanischen Bomber unsere Bomber waren, auch wenn wir uns bei den
Bombardemets in die Hosen schissen. Deshalb sind deren Opfer auch nur
privat zu beweinen, nicht aber staatlich in eins mit den Opfern der Schergen,
denn jene waren der Tribut dafür, dass die Schergen verschwanden.
So lernt man Dialektik von klein auf, sie wurde uns sehr materialistisch
“eingebleut”, in der hilflosen Mythologie des Denkmals ist
sie verdrängt.
Was Erinnern wirklich ist, ohne pathetische Phrase, das kann man aus einem
wunderbaren kleinen Buch erfahren, das fast am gleichen Tag erschien,
an dem die Prominenz vor der Albertina sich ergreifen ließ. Gar
nicht geschwätzig wie der behauene Stein und vor allem leiser, sagt
es doch viel mehr von dem, worüber der angeblich zu denken gibt.
Eine Frau Mitte Fünfzig, die hier zu Hause ist und keine Heimat hat,
erzählt darin ihre Lebensgeschichte. Sie erzählt sie bruchstückhaft
und episodisch, ohne aufgesetzte Moral, unkonstruiert und mit zögernder
Stimme, naiv und gar nicht “sentimentalisch”, aber mit unendlicher
Zärltichkeit für die Menschen und Dinge, die sie umgeben und
die sie begleitet haben. Sie erzählt fast schamhaft und ohne modische
Betroffenheitsattitüde, sie drängt sich auf kein Zeitzeugenpodest,
und vielleicht hätte sie nie gesprochen, hätte nicht Karin Berger,
die das Buch herausgegeben und informativ, doch sehr zurückhaltend
eingeleitet hat, sie dazu bei vielen Zusammenkünften ermuntert.
So ist es beiden Frauen zu danken, dass nach rund einem halben Jahrhundert
der erste persönliche Bericht von einer Angehörigen eines Volkes
vorliegt, dessen Ausrottung heute fast vergessen ist und schon damals
kaum wahrgenommen wurde, obwohl eine halbe Million von ihm der Vernichtungsmaschinerie
zum Opfer fiel; eines Volkes, das immer noch eine “Sonderbehandlung”
erfährt. Gut genug für die Folklore, in der der Spießer
seine Freiheit träumt, aber ohne Platz in unserer “offenen”
Gesellschaft: Ceija Stojka ist Zigeunerin. Also ein Mensch, den man hierzulande
nur auf der Opernbühhne ästimiert.
Als achtjähriges Mädchen wurde sie 1941 gemeinsam mit ihrer
Mutter und ihren fünf Geschwistern aus Wien deportiert. Nach Auschwitz
zunächst, wo ihr kleiner Bruder starb, dann nach Ravensbrück,
dann nach Bergen-Belsen. Ihren Vater hatten sie vorher schon in Dachau
erschlagen. Der Rest ihrer Familie hat überlebt, nicht durch ein
Wunder, sondern durch Zufall. Und durch Mut und gegenseitige Hilfe, durch
Intelligenz und einen Lebenswillen, wie sie nur ein Volk besitzen kann,
das sonst nichts besitzt, das über Jahrhunderte in kleine Gruppen
vereinzelt war, das wie keine anderes die Freiheit liebte und daher niemlas
Macht besaß und auch keine wollte. Deshalb hat man es beim “Bedenken”
auch vergessen, denn Moral ist eine Funktion der Gegenmacht.
Im Frühjahr 1945 wurde Ceija, damals gerade zwölf Jahre alt,
von der britischen Armee befreit. Mit dem übriggebliebenen Rest ihrer
Familie nach Wien zurückgekehrt, bekamen sie die Wohnung eines geflohenen
Nazis zugeteilt. Doch nach der Entnazifizierung war der wie alle anderen
wieder da und und setzte sie auf die Straße. Das hat sich wiederholt.
Praktisch obdachlos, besuchte sie ein Jahr lang die Schule. Dort hat sie,
fast schon erwachsen, unter Siebenjährigen Lesen und Schreiben gelernt.
Was sie sonst noch kann, hat sie sich selber beigebracht, und aus Erfahrung
weiß sie mehr als ein Schock Ordinarien der Geschichte.
Man hat gesagt, Dante habe die Hölle nur als Tourist besucht auf
seiner Reise durch die christliche Phantasmagorie. Ceija Stojka war eine
der Verdammten. Sie hat auch keinen Vergil zum Begeiter gehabt, nur ihre
Sippe, die zusammenhielt, und ihr Bericht ist kein Kusntwerk geworden.
Aber wie wunderbar kann sie erzählen. Um nur eine der Szenen zu erwähnen,
die unauslöschlich im Gedächtnis bleiben. Man wird im “Inferno”
kaum eine Stelle finden von so schriller Bösartigkeit wie jene Weihnachtsfeier
1944 in Ravensbrück, welche die SS für die aus Angst und Hunger
fast wahnsinnigen Kinder veranstaltet hat. Mit Christbaum, warmer Milch
und Kuchen, mit “Stille Nacht, HeiligeNacht”, durchaus ernst
gemeint. Bald darauf ging das Morden weiter, sie machten es dort mit Sterilisation.
So lernt man den Sinn der christlichen Folklore kennen, viel besser als
bei dem Christen Dante. Man sage nicht, die Mörder seien “Neuheiden”
gewesen, auch wenn sie sich selber so verstanden, denn sie haben das Beste
der christlichen Ideologie geerbt: die Sentimentalisierung der Bestialität.
Ceija Stojka ist der Hölle entronnen, aber was nachher kam, in Österreich, war auch keine zivilisierte Gesellschaft, allenfalls ein Purgatorium. Vierzig Jahre lang hat sie geschwiegen, hat in bescheidenen Verhältnissen gelebt, hat sich als Marktfahrerin durchgeschlagen und ihre Kinder großgezogen. Jetzt hat sie ihre Geschichte aufgeschrieben, weil das Schweigen um ihr Volk zu laut geworden ist, gerade im Geschwätz des “Bedenkens”. Es ist keine Elendsgeschichte geworden, sondern im Gegenteil eine des Stolzes, der Würde, der Noblesse. Und wenn es doch eine Elendsgeschichte ist, dann eine unseres Landes, in dem ihr Volk sich selbst verleugnen muss, um ohne Pöbeleien zu überleben, und das den Boden hier stärker liebt als seine patriotischen Ausverkäufer. So erzählt sie ihre Geschichte ohne Anklage und ohne Hass, fast ohne Bitterkeit. Aber so, dass man sich schämt für diesen Staat.
Am 12. März 1988 plädierte Bundeskanzler Vranitzky
anlässlich einer Gedenkveranstaltung vor dem 1945 errichteten Mahnmal
im Zigeuneranhaltelager Lackenbach (Burgenland) für eine rechtliche
Gleichstellung der Zigeuner mit anderen Opfern der Nazis. Immerhin. Aber
vor ihm ist keiner auf die Idee gekommen, rotz “Mahnmal”,
vierzig Jahre lang, als auch noch Opfer lebten, die damals keine Kinder
waren. Heute sind fast alle tot, und die Gleichstellung kommt billig –
ideologisch und finanziell. So fragt man sich, wozu ein Mahnmal errichten,
wenn es nicht einmal jene mahnt, die andere mahnen. Da ist es schon besser,
man liest ein paar Bücher und fragt bei denen
nach, die im Verborgenen leben.
Rudolf Burger, PROFIL, Februar 1989
CEIJA STOJKA
…….
Der Bericht ist von einer Frau gechrieben, die trotz ihrer Kindheitseindrücke
und der deprimierenden Erlebnisse im Nachkriegsösterreich selbstbewußt
ist, stolz auf ihr Volk und die nicht länger schweigen will über
sich und über die Gadje, die Nicht-Zigeuner.
CH.G., EMMA, Aug. 1989
LEBEN IM VERBORGENEN
“Ja, ich wunder mich schon, ich wunder mich jeden Tag….Jeden Tag
frag ich mich: Wieso bist du da, Ceija? Und bist nicht irgendwo verscharrt,
wo man gar nicht weiß, wo du bist und dass du existiert hast.”
Was für ein Mensch ist das, der solche Fragen stellt?
Eine Frau. Eine Zigeunerin. Ceija Stojka, vom Stamme der Rom, geboren 1933.
Geboren während eines Aufenthalts ihrer umherziehenden Familie unweit
von Knittelfeld. Deportiert nach Auschwiz-Birkenau im neunten Lebensjahr,
gemeinsam mit Mutter und Geschwistern; von dort – Anfang 1945 –
ins Frauenlager Ravensbrück, zuletzt nach Bergen-Belsen. Ihr “Wunder”:
Sie hat überlebt. Der Vater, der jüngste Bruder, übelebten
nicht.
Wenn Ceija sich ihrer frühen Kindheit erinnert, der Zeit vor 1938, klingen
Töne einer fast märchenhaften Freiheit und Gemeinschaftlichkeit
mit. Die Zigeunerfamilien – ganze Familienverbände – ziehen
mit ihren Wohnwägen im Land umher, die Männer handeln mit Pferden,
die Frauen mit Spitzen und Stoffen. Manchmal liest die Mutter einer Bäuerin
aus der Hand, dafür gibt es Mehl, Zucker oder Speck. Vielleicht auch
ein Geschenk für die Kinder.
Manchmal, bei Schlechtwetter, läßt ein Bauer sie den Wagen auf
seinem Hof unterstellen, meist jedoch lagern sie in freier Natur. Die Kinder
spielen auf den Wiesen und Feldern, lauschen den seltsamen Geschichten der
Großmütter oer vergnügen sich mit dem Vater auf dem Fußballplatz.
Dort und im Umgang mit den Kindern der gadje (Nichtzigeuenr) lernen sie –
neben ihrer angestammten Sprache, dem Romanes – von klein auf auch Deutsch.
Von einer Diskriminierung war damals – im geborgenen Raum der Großfamilie
– für Ceija noch wenig spürbar: Zwar entgeht ihr nicht, dass
ein Teil der Leute Tür und Fenster vor ihnen verschließt, jeden
Kontakt verweigert. Doch überall gibt es auch andere, Freundliche, die
das Gespräch oder Tauschgeschäfte suchen, die die Neugier und Kontakfreude
ihrer Kinder gegenüber dem fremdartigen Volk nicht beschneiden.
Was in Ceija verwurzelt bleibt, sind die Liebe und Fürsorge der Eltern,
der Zusammenhalt unter den verwandten Zigeunerfamilien, das Gefühl der
Freiheit in freier Natur und das Selbstbewusstsein, eine Zigeunerin, sie selbst
zu sein: “Du bist du, Ceija”, sagte die Mutter des öfteren
zu ihr, “Du darfst keine andere sein, du mußt immer schauen, dass
du deine Art, die dir der liebe Gott gegeben hat, behältst, und dass
du sagst: Ich bin ich, was willst du von mir?” – Wenn man das
nicht ist, wird man ein Mauerblümchen und kann aus seinem Leben nichts
machen. Hätte ich mich immer verkrochen, wo wäre ich hingekommen?
Wär ich wahrscheinlich in Auschwitz geblieben. Aber so hab ich immer
geschaut, wo gibt es eine Kartoffel, wo könnt ich ewas organisieren,
wo ist einer gestorben in einer Buchse, der noch dein Stückl Brot bei
sich liegen hat. Das hab ich genommen, er hat es ja nicht mehr gebraucht,
er wird mir nicht böse gewesen sein.”
Du darfst keine andere sein. In einem ganz anderen Sinn hat der Nationalsozialismus
diesen Satz gebraucht: zur Entwertung, zur Aussonderung all jener, die den
Vorstellungen der Machthaber von Reinrassigkeit und “Normalität”
nicht entsprachen, denen keine exakt kontrollierbare und “produktive”
Rolle zuzuweisen war in ihrem exakt kalkulierten ökonomischen Ausbeutungssystem.
Als “asozial”, “arbeitsscheu” und “kriminell”
wurden sie in Konzentrationslager eingewiesen, 1942 war der Beschluss zur
endgültigen Vernichtung der Roma und Sinti gefasst.
Wie oft in dieser Zeit hat die Wissenschaft Handlangerdienste geleistet: etwa
mit dem Versuch des Zigeuner-“Forschers” Dr. Ritter, die (behauptete)
“Asozialität” dieser Volksgruppen als genetisch (!) bedingt
nachzuweisen…
Diskriminierte, verfolgte Aussenseiter waren die Rom-Zigeuner von Anfang an.
Seit sie – im 14./15. Jahrhundert – aus Nordindien nach Europa
eingewandert waren. Zunächst vor allem von Kirche und Handwerkszünften
– aus Gründen ökonomisch und ideologisch begründeter
Konkurrenzgefühle – an den Rand der Gesellschaft gedrängt,
später vom absolutistisch regierten Staat und der in seinen Grenzen sich
formierenden Industriegesellschaft. Deren Profit- und Leistungsinteressen
schien die freie Lebnsweise dieses Volkes nicht akzeptabel, gefährlich
wohl vor allem in seiner möglichen Vorbildwirkung auf andere: das aufstrebende
Industriesystem brauchte Arbeitskräfte in hoher Zahl und wollte jede
(ausbeutbare) Kraft unter seiner Kontrolle wissen.
Als die Versuche der Vertreibung und physischen Vernichtung nicht zur Gänze
funktionierten, ging der Staat zu einer Politik der Assimilation über,
aber auch auf diese Weise gelang es nicht, die Identität dieses Volkes,
die Eigenart ihrer Lebensweise zu zerstören. Erst der Vernichtungspolitik
des Nationalsozialismus in Verbindung mit der nachfolgenden Ignoranz und Gleichgültigkeit
der “Wiederaufbau”-Gesellschaft, der fortgesetzten Diskriminierung
in fast allen Bereichen des Lebens dürften wesentliche Schritte in diese
Richtung gelungen sein.
500 000 Roma und Sinti fielen der Mordpolitik des NS-Regimes zum Opfer, mehr
als die Hälfte der früher in Österreich lebenden kam nicht
mehr aus den Lagern zurück. Einige ihrer Siedlungen waren nach 1945 vollständig
ausgerottet, manche zählten nur mehr ein Drittel der Bewohner….
“Auschwitz hab ich ein zweites Mal erlebt”: Ceija Stojka zur Entstehungsgeschichte
ihrer Aufzeichnungen, die im vergangenen Monat im Picus-Verlag erschienen
sind. Ein seltenes Dokument, die erste Autobiographie einer Rom-Zigeunerin.
Keine Selbstverständlichkeit für eine wie Ceija, die kaum viel mehr
als ein Jahr in der Schule zugebracht hat – unter den Nazis war ihr
der Schulbesuch untersagt, nach dem Krieg haben die Umstände ihre Familie
bald wieder zum “Wandern” gezwungen. Trotzdem hat sie sich das
Lesen und Schreiben z.T. im Selbststudium beigebracht, hat Jahrzehnte danach
das Schweigen gebrochen.
Ein Schweigen, das insbesondere die Vernichtungspoltiik gegenüber den
Zigeunern einhüllt, der Kenntnis der Öffentlichkeit entzieht. Ein
Schweigen der Nichtbetroffenen – aus Desinteresse, Abwehr und Ignoranz.
Ein Schweigen auch unter denen, die Opfer waren, aus Angst, die Erinnerung
nicht zu ertragen, im Zurückschauen all den Greueln wieder ausgesetzt
zu sein.
Ceija aber hätte die Kommunikation zur Bewältigung ihrer Erlebnisse
im KZ gebraucht. Als sie ihr verwehrt bleibt, greift sie zu Bleistift und
Papier – allen Schwierigkeiten und Widerständen ihrer Lebensumstände
zum Trotz: “So hab ich immer die Zeit ausnützen müssen, wenn
ich allein war. Eine halbe Stunde hab ich meistens geschrieben, dann musste
ich ja schon wieder kochen. Während ich aber gekocht oder das Essen serviert
oder Geschirr abgewaschen hab, hat sich das in mir wieder gespeichert, in
meinen Gedanken war ich schon wieder am Papier. Und wie ich dann wieder Zeit
gehabt hab, ist das fließend herausgekommen.”
Der erste Schock: Eines Tages wird der Vater weggeführt – auf Nichtmehrwiedersehen.
Ein zweiter Schock: Ceija muss, als Zigeunerkind, die Schule verlassen. Schon
vorher, seit 1939, war der Lebensraum immer enger geworden: Damals wurde den
Zigeunern in Österreich das Umherziehen verboten, Zwangsumsiedlungen
auf Sammelplätze setzten ein, 1940 beginnt die Konzentation in KZ-konforme
Internierungs- und Arbeitslager – Lackenbach, Maxglan, Weyer.
1939 zieht Ceijas Vater mit seiner Familie nach Wien, baut den Wohnwagen zu
einer kleinen Holzhütte um, nahe dem Kongreßpark, in einem Hof
im 16. Bezirk. Die materielle Versorgung der Familie wird immer schwieriger,
auch die Kinder helfen mit. Nach dem “Verschwinden” des Vaters
in Dachau beginnt die Zeit der häufigen Razzien, die Zeit der ständig
wechselnden Verstecke: bei Bekannten und Verwandten, im Gebüsch und unter
den Laubhügeln des Kongreßparks. Eine der älteren Schwestern
wird ins Gefängnis und von dort nach Lackenbach gebracht, und eines Tages,
um sieben Uhr früh, rüttelt die Gestapo die Kinder aus den Betten:
der Weg nach Auschwitz beginnt.
Wenn Ceija über diese Zeit schreibt, mischt sich der Blick der Erwachsenen
Frau, die ihren Erinnerungen nachgeht, mit den Augen des Kindes von damals:
einem Kind, drei Jahre lang in der Hölle eingeschlossen, ständigem
Hunger, ständiger Kälte, Angst und Schwerarbeit ausgesetzt, Tag
für Tag zwischen Sterbenden, wachsenden Leichenbergen und rauchenden
Krematorien, von denen jeder – auch jedes Kind – wußte,
was sie bedeuten, über die aber nicht geredet werden darf.
“Ist hier die ganze Welt?” fragt sie eines Tages die Mutter und
kann sich nicht vorstellen, dass irgend was und irgend jemand nochaußerhalb
existiert. Dass es Wien, ihre letzte Heimat, noch gibt. In diesem –
systematisierten – Chaos von Schlägen, Krankheit und Mord nicht
unterzugehen, bedurfte es vieler glücklicher Zufälle – Ceija
hat einen anderen Begriff dafür: Gott.
Trotzdem wäre Rettung nicht möglich gewesen ohne die Fürsorge
und Überlebens-Tüchigkeit der Mutter (die in jeder Situaiton noch
ein Lebens-Mittel findet, und seien es die essbaren Blätter eines Bauems)
und ohne den Zusammenhalt unter den Zigeunerfrauen. Vor allem aber nicht ohne
das Selbstvertrauen, den Mut und die Geschicklichkeit des Kindes selbst. Sein
schlimmstes Erlebnis muss der Tod des kleinen Bruders gewesen sein, den Ceija
– unter Lebensgefahr – bis zuletzt zu bereuen und zu trösten
sucht, den sie schließlich unter einem Berg von Toten entdeckt, um den
zu trauern ihr aber – unter Prügeln – verboten wird.
Als “glücklicheres” Bild bleibt die Szene im Gedächtnis,
als Ceija von der SS in Auschwitz auf die linke, auf die Seite derer aussortiert
wird, die für die Gaskammer bstimmt sind. Mit Hilfe der Mutter und Geschwister,
durch eine falsche Altersangabe und den demonstrativen Nachweis ihrer Arbeitstüchtigkeit
gelingt es ihr, die Seite zu wechseln.
Ein “Gück” dessen Schatten vielleicht in alles künftige
Glück hineinreichen wird:”Ich schaute nach links und sah meine
zwei Tanten mit ihren Kindern dort stehen: Malla und Kurti, sieben Jahre,
und Tante Rosi mit ihrem Baby, das im KZ geboren war. Und meine liebe Polin,
sie winkte zu uns herüber, sie alle waren zum Tod verurteilt. Wir werden
sie nie wiedersehen”
Wir leben im Verborgenen: der Titel des Buches. Ein Satz, mit dem die Rom-Zigeunerin
das Dasein ihres Volkes zusammenfasst. Im Zentrum ihrer eigenen Aufzeichnungenn
steht das KZ-Erlebnis, ein ausführliches Interview der Herausgeberin
mit Ceija Stojka spannt den weiteren Lebensbogen: Erinnerungen an die frühe
Kindheit, an die Zeit nach Kriegsende. Das kurze Glück, in einer ehemaligen
Naziwohnung unterzukommen – nach einigen Monaten wird die Zigeunerfamilie
vertrieben, die Nazis sind wieder da. Die Rückkehr in den Wohnwagen,
zur fahrenden Lebensweise. Ceija kämpft sich, ausgeschlossen vom Wiederaufbauwunder,
durch die fünfziger Jahre, als Mutter von drei Kindern; mit Stoffen handelnd,
von Tür zu Tür, später auf Märkten. Aus der hart erkämpften
Hinterhofwohnung, einer ehemaligen Waschküche, wir sie delogiert. Der
Zigeunerin bleibt als einziger, nach Abriss des Hauses, die Ersatzwohnung
verwehrt.
Von Diskriminierung erzählt Ceija, von den nach wie vor lebendigen Vorurteilen
und ihrem Hintergrund. Aber auch von fröhlichen Aspekten des Marktfahrens,
den Festen der Rom, ihrer Lebensart, die sie mit Attributen wie “gütig,
verträumt und stolz” umschreibt.
Lotte Podgornik, STIMME DER FRAU, November 1988
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