Ceija
Stojka
Porträt einer Romní
A 1999, 85 min, 35 mm (1:1,66), Dolby Digital, eng UT
Buch, Regie: Karin Berger // Kamera: Jerzy Palacz // Ton: Bruno Pisek, Alf
Schwarzlmüller // Schnitt: Michael Palm // Musik: Ceija Stojka, Harri
Stojka, Willibald Stojka, El Pare // Dramaturgische Beratung: Constantin
Wulff // Produktionsleitung: Johannes Rosenberger
„Die Angst ist immer in uns. Es gelang mir nie, das zu vergessen. Nie. Und solange ich leben werde, werde ich daran denken, was sie mit uns gemacht haben, der Hitler und seine Leute“. Ceija Stojka
CEIJA STOJKA ist das einfühlsame Portrait der während der Dreharbeiten
66jährigen österreichischen Romní Ceija Stojka. Er ist
auch ein Film über das Vergangene in der Gegenwart, über ein Leben
mit traumatisierenden Erfahrungen, über das Glück zu leben.
Der Film rekonstruiert ihre Lebensgeschichte und damit auch ein Stück
Geschichte der Roma und Sinti in Österreich.
DVD in der Reihe "Der österreichische Film" / Edition Der Standard im Buchhandel und unter www.hoanzl.at erhältlich
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PRESSESTIMMEN
Karin Bergers Dokumentarfilm ist das behutsame Portrait einer außerordentlichen
Frau, zugleich aber auch eine Erkundung der (Leidens-) Geschichte der Roma.
Exemplarisch steht hier die Biographie einer Einzelnen für die eines
ganzen Volkes: Aufgerollt wird damit aber auch ein immer noch unterbelichtetes
Kapitel in der Historie Österreichs.
Den Film zeichnet eine eindringliche Nähe zu seiner Protagonistin aus,
man erhält Einblicke in ganz intime Situationen des Alltags einer Frau
und ihrer Familie, in dem sich immer wieder Gelegenheiten finden, zurückzublicken,
sich zu erinnern. Impressionen aus der Zeit, in der Ceija Stojka mit dem Wohnwagen
durchs Land zog, finden in Autofahrten, die den Film durchziehen, eine visuelle
Entsprechung. Erinnerungen manifestieren sich auch in ihren Malereien, mit
denen sie bereits in die Öffentlichkeit getreten ist. Auf diesen Bildern
verweilt die Kamera ebenso wie auf Fotografien ihrer Jugend. (...)
Bei allem Geschichtsbewusstsein ist Ceija Stojka ein Film in der Gegenwart,
der darüber erzählt, wie kulturelle Traditionen lebendig bleiben,
wie aber auch Ausgrenzung und Ressentiments weiterhin bestehen. Ceija Stojka
legt Zeugenschaft ab. Darüber hinaus vermag der Film jedoch eine Haltung
zu vermitteln, die ohne ideologischen Rückhalt ungebrochen am Leben festhält.
Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD
Zentral ist selbstverständlich die Erzählung über
die Gefangenschaft in Auschwitz. “Die wahre Wahrheit wird nie verständlich”,
murmelt Ceija. Weder Worte noch Bilder können sie je wiedergeben. Mit
einer seltenen Schlichtheit und Zurückhaltung hält Karin Berger
diese Momente fest, in denen das Unaussprechliche ins traumatisierte Bewusstsein
aufsteigt. Später, am Ende eines Essens im Familienkreis, zeigt Ceija
zum ersten Mal die Bilder ihres Vaters. Und wenn die Familie wieder auseinandergeht,
tritt Ceija, die Hüterin des kollektiven Gedächtnisses, aus dem
Bild, das verschwommen und leer zurückbleibt. Dann erinnern wir uns an
das Lied am Anfang des Filmes, das sie, erdrückt von der Gewalt der Erinnerung,
nicht weitersingen konnte. Dieses Lied hinterlegt im Gedächtnis die unaussprechliche
Scheusslichkeit der Konzentrationslager, von denen Ceija Stojka die Nummer
6399 in die Haut eingebrannt trägt; ein Schandmal.
Jean Perret, Katalog VISIONS DU RÉEL 1999
Mit großer Besonnenheit tastet sich Karin Berger über
diese Erinnerungen an ein persönliches Schicksal und zugleich an die
dramatische Vergangenheit der in Österreich lebenden Roma heran. Als
Rahmen für ihre (mit einzigartigem Archivmaterial bestückten) biographischen
Erkundungen wählt sie das Jetzt und Hier: die in liebevoller Beobachtung
geweckte Faszination für das gegenwärtige Erscheinen und Schaffen
dieser Frau. Bergers Interesse an der bestürzenden Vergangenheit der
ehemaligen KZ-Insassin zeigt sich somit nie losgelöst von Stojkas Präsenz
– als charismatische Frau im Kreis ihrer Familie, als eifrige Köchin,
als Bild- oder Stimme gewordene Künstlerin. „Eigentlich könnten
die ’Gadje’ von uns lernen”, merkt Stojka einmal ohne Ressentiment
gegen die Seßhaften an. Mit ihrem feinsinnigen Porträt läßt
Karin Berger erkennen, daß sie diese Aussage ernst genommen hat.
Robert Buchschwenter
Ceija Stojka (...) kann ihren Kindern keine Schnappschüsse
zeigen, die Verwandtschaft oder Herkunft dokumentieren. Lediglich Ceija Stojka
selbst ist in der Lage, mittels ihrer Erzählungen, Lieder und Zeichnungen
Zeugenschaft abzulegen über das Dasein als „Zigeunerin“,
das geprägt ist von Vorurteilen, Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation
bis hin zum systematischen Massenmord durch die Nazis. (...)
Doch das „Leben im Verborgenen“ ließ sie längst mutig
hinter sich: (...) Ihre Wohnung, vollgeräumt mit Erinnerungen, strahlt
Wärme, Geborgenheit und helle Freundlichkeit aus. Wenn sie ihre Bilder
in kräftige Farben taucht, beginnt ihr Gesicht zu strahlen. Dem Unfaßbaren
läßt sich wohl nicht anders beikommen als mit diesem unvergleichlichen
Lächeln voller Traurigkeit.
Brigitte Mayr, FALTER
Wenn Ceijas Enkelin erzählt, daß sie als „Zigeunerin“
oft argwöhnisch betrachtet wird und sich rechte Sprüche anhören
muß, oder wenn Ceija in einer der stärksten Familienszenen ihren
Kindern und Enkeln die einzigen Fotos ihrer Familie – aufgenommen von
der „Rassenhygienischen Forschungstelle des Reichsgesundheitsamtes“
– zeigt, fällt einem unweigerlich ein Satz von Ceija ein: „Die
Angst ist immer in uns.“
Barbara Zwiefelhofer, APA
Ceija Stojka ist der Name der ersten österreichischen
Romní, die an die Öffentlichkeit trat und ein Buch über ihre
schrecklichen Erfahrungen während der Internierung im KZ Auschwitz schrieb.
(...) Aber die Leiden hörten nicht mit Kriegsende auf: in der unmittelbaren
österreichischen Nachkriegsgesellschaft waren die Zigeuner weiterhin
schlecht angesehen. Sogar heute noch - wo alle seßhaft geworden sind
- erscheinen sie vielen durch ihr „Anderssein“ unbequem. In diesem
Sinne verkörpert die Protagonistin dieses Filmes mit ihrer persönlichen
Tragödie die Erinnerung eines Volkes, dessen Spur sich verlor, dessen
Geist aber auf den europäischen Straßen weiterlebt.
Antonio Mariotti, CORRIERE DEL TICHINO
Texte
DAS VERGANGENE IN DER GEGENWART
Auszüge aus einem Interview mit Karin Berger
Klischee und Wirklichkeit
Keine Bevölkerungsgruppe wird so stark über Stereotypen wahrgenommen
wie Roma und Sinti. Es gibt unzählige Bilder, zum Teil Projektionen der
eigenen Ängste und Wünsche. In den 50er Jahren zum Beispiel war
„Die Zigeunerin“ ein beliebtes Faschingskostüm. Wie konnte
man in dieser Verkleidung auf einen Ball gehen, wenn ein paar Jahre zuvor
tausende Menschen als sogenannte „Zigeuner“ ermordet wurden? Das
zeigt doch, daß absolut kein öffentliches Bewußtsein über
diesen Massenmord vorhanden war. Auch kein schlechtes Gewissen und keine Verdrängung
wie gegenüber anderen Bevölkerungsgruppen - als hätte es diese
Menschen nie gegeben. So konnte mit dem Klischee gleichzeitig zugedeckt werden,
was im Nationalsozialismus passiert ist.
Die Roma und Sinti selbst reagieren sehr sensibel darauf,
ob sie als Objekte mißbraucht werden oder nicht. Das hat mit der langen
Geschichte der Verfolgung seit ihrer Ankunft in Europa zu tun - und mit ihrem
Stolz. Daher war ich sehr darauf bedacht, sie in möglichst geringem Ausmaß
als Objekte für unseren Blick zu gebrauchen. Die Menschen in diesem Film
sollten die Möglichkeit und den Raum haben, sich selber darzustellen,
ihre eigenen Bilder von sich wiederzugeben. Ich wollte sie nicht wieder in
eine Form pressen, aber auch nicht in ein Antiklischee, das nur defensiv auf
die herrschenden Klischees reagiert.
Thematik des Films
Das Thema des Films ist nicht eine Analyse der allgemeinen Situation von Roma
und Sinti in unserer Gesellschaft. Es gibt natürlich viele Hinweise darauf.
Viele Erfahrungen in Ceijas Leben sind verallgemeinerbar. Eigentlich geht
es um Haltungen, um die emotionalen und geistigen Kräfte, die es möglich
machen, mit den schwersten seelischen Verletzungen weiterleben zu können,
noch dazu, wie in Ceijas Fall, ohne verbittert zu werden. Ceijas Leben ist
von zwei großen Traumata geprägt: Dem Tod ihres Sohnes Jano und
der Erfahrung der grenzenlosen Verachtung und Aggression ihr und ihren Angehörigen
gegenüber, dem Versuch ihrer Vernichtung.
Der Film beschreibt die Ressourcen, aus denen sie schöpft, um mit diesen
Verletzungen leben zu können: die zum Teil schönen Kindheitserinnerungen,
das Zusammensein mit ihren Kindern und Enkelkindern, der Glaube an die Madonna,
die Kraft der alten Lieder, das Malen und Schreiben, durch das sie ihre Geschichte
an die Öffentlichkeit bringt.
Entstehung des Projektes
Die Idee zu einem Film mit und über Ceija Stojka hatte ich kurz nachdem
ich sie vor über zehn Jahren kennengelernt habe. Es war aber gut, so
lange zu warten. In der Zwischenzeit hat sich mehr Gelassenheit zwischen uns
entwickelt, auch in bezug auf das Bild, das man nach außen transportiert.
Der Öffnungsprozeß, der sich während der letzten Jahre vollzogen
hat, hat dabei vieles erleichtert.
Die Bekanntschaft mit Ceija machte ich im Zuge der Recherchen für ein
Projekt über österreichische Frauen in Konzentrationslagern. Auch
Roma- und Sinti-Frauen sollten über ihre Erfahrungen berichten. Manche
Frauen hatten einem Interview schon zugestimmt, sagten aber kurzfristig ab.
Die Angst, als „Zigeunerin“ erkannt zu werden, war zu groß.
Daß diese Angst nicht unberechtigt ist, hat das Attentat auf die vier
Roma in Oberwart gezeigt. Für mich war das eine zusätzliche Motivation,
mich noch einmal intensiv dem Thema Nationalsozialismus zu widmen.
Im Film habe ich das nicht allgemein aufgegriffen, sondern als einen Teil
von Ceijas Lebensgeschichte erzählt. Zudem wollte ich etwas über
die Situation und die Befindlichkeit der zweiten Generation ausdrücken.
Wie gehen sie mit der vermittelten Erinnerung an den Holocaust um? Wie beeinflußt
er ihr Leben? Werden sie heute noch diskriminiert? Wie sehen sie sich selbst
als Rom?
Nähe und Distanz
Mein relatives Eingebundensein in die Familie war eine grundlegende Voraussetzung
für den Film. Ohne diese über Jahre hinweg entwickelte Vertrauensbasis
wäre er in dieser Form nicht möglich gewesen. Bestimmte Grenzen
bleiben trotzdem immer bestehen. Die Geschichte des Mißtrauens ist einfach
zu lang, um sie in wenigen Jahren auflösen zu können.
Für die Realisierung des Filmes war es notwendig, mich aus dieser Nähe
wieder ein wenig wegzuarbeiten, um mich überhaupt in die Position der
Regisseurin begeben zu können. Mit Ceija allein war das nicht so schwierig,
anfangs eher mit der Familie. Überhaupt war es nicht einfach, diesen
ganzen technischen Apparat hinter mir zu wissen, der eine gewisse Effizienz
erfordert, und damit ein Lebensgefühl einfangen zu wollen, das relativ
spontan und gelassen ist.
Als Ceijas Kinder für den ersten gemeinsamen Dreh zu Besuch kamen, wäre
es mir komisch vorgekommen, nur bei der Kamera zu sein und sie sozusagen zu
beobachten. Beim zweiten Familientreffen stellte das kein Problem mehr dar.
Ich stand bei der Kamera, sie hatten sich darauf eingestellt, und eigentlich
haben diesen Dreh alle sehr genossen.
Dieses spezifische Verhältnis von Nähe und Distanz macht auch die
Stimmung des Filmes aus. Ich empfinde ihn als einen Blick in ein Leben, der
gewährt wird, mit großer Offenheit zwar, aber auch mit Distanz.
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