Küchengespräche
mit Rebellinnen
A 1984, 80 min, Video und 16 mm, engl, franz. UT
Buch, Schnitt, Regie: Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik,
Lisbeth N. Trallori // Kamera, Ton: Gerda Lampalzer // Musik: Carla Bley
// Mit: Rosl Grossmann-Breuer, Anni Haider, Agnes Primocic, Johanna Sadolschek-Zala
1985 Preis des sowjetischen Frauenverbandes, Filmfestival
Moskau
Festivals: Berlin, Moskau, Leipzig, Wien
“Das Ziel war halt, den Faschismus von unserer Heimat auszutreiben. Das ist das erste Ziel gewesen. Und dass die, die noch überbleiben, die verstreut sind, unsere Angehörigen, wieder auf eigene Heime zurückkehren können …und auch ein freies, unbefangenes Leben, nicht in der Angst, nicht wieder in der Kriegszeit - oder wie man das nennen soll – in der Freiheit wieder leben. Man hat ja die Parole gehabt:Tod dem Faschismus und Freiheit dem Volke.” Johanna Sadolschek-Zala
Vier Frauen erzählen. Ihre Geschichten fügen
sich ineinander, wachsen eine aus der anderen heraus. Agnes Primocic aus
Hallein unterstützt die Flucht von Häftlingen aus dem KZ, sammelt
unter großer Gefahr Männerkleider, schmuggelt mit ihrer Freundin
eine Pistole und organisiert Unterschlupf für die Entkommenen. Johanna
Sadolschek-Zala, Slowenin aus Südkärnten, kann durch ihre List
und Ortskenntnis einem Großaufgebot der Gendarmerie und Gestapo
entfliehen. Sie flüchtet in den Wald und schließt sich den
Partisanen an. Rosl Grossmann-Breuer aus Wien sabotiert in einem Kriegsbetrieb
und ist nach ihrer Verhaftung den quälenden Verhören der Gestapo
im Hotel Metropol ausgesetzt. Mit körperlicher und psychischer Folter
versuchen die Gestapobeamten ihren Willen zu brechen. Anni Haider erinnert
sich an ihre Zeit als Gefangene in Wien und Aichach, an die Solidarität
unter den Häftlingen und ihre Träume in der Einzelzelle.
Sie alle erzählen unprätentiös und selbstverständlich.
Gemeinsam ist ihnen die Poesie ihrer Schilderungen und eine Ausstrahlung
des Ruhens in der eigenen Geschichte.
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PRESSESTIMMEN
“So wie man die Tür zu einem noch unbekanten
Raum öffnet: Das allmähliche Erkennen durch genaues Betrachten,
das Sichzurechtfinden, nachdem die Augen sich an das fremde Licht gewöhnt
haben. Und dann haarscharfe Konturen. Dieses Gefühl hatte ich bei
dem Film “Küchengespräche mit Rebellinnen”.
Barbara Danneberg, Stimme der Frau 3/85
….
Als sie (Agnes Primocic) aber mit zwei Koffern sich auf den Weg zu dem
verabredeten Mittelsmann macht, sieht sie, dass vor der Brücke ,
über die sie muss, ein Soldat alle genau kontrolliert. Nun ist’s
aus, denkt sie. Da erkennt sie in dem Wachtposten einen ehemaligen Genossen,
der mit ihr bei den Kinderfreunden war. Auch er verrät, sie erkannt
zu haben, und gibt ihr ein Zeichen, sie könne ungefilzt hinüber.
Spannende Anekdote eines thrillerbegabten Schriftstellers? Eine weißhaarige
Frau erzählt dies nebst noch drei Frauen, die vierzig Jahre lang
über ihre Erlebnisse im Widerstand nie gefragt wurden, nun aber in
dem Film “Küchengespräche mit Rebellinnen” sich
freierzählen konnten: über Folterungen, über ihre Ehre,
die Solidarität war, auch über etliches, worüber eine andere
hochbejahrte Erzählerin noch heute lachen muss: Wie sie das Inquisitenspital
in Wien zu einem einzigen Widerstandsnest umfunktioniert hatten, in dem
im letzten seelischen Schmutzwinkel noch kein Verrat gelauert hat….
Die einzelnen Erzählungen immer wieder unterbrochen von eingeschnittenen
Jugendphotos: Was waren das für schöne Frauen!
Fritz Walden, AZ, 29.10.1984
Der Film ist unprätentiös. Fast nur die Gesichter
der Frauen, einige Photos, aus Kindheit und Jugend, mit der Familie. Dem
Video ist anzumerken, dass die Autorinnen sich Zeit gelassen haben. Da
wird auf den Kommentar verzichtet, nicht das übliche Frage-Antwortspiel
abgespult. Die Schilderungen fesseln, z.B. wenn Anni Haider erzählt,
wie sie einem Jesuitenpater Stalins Rede im Beichtstuhl vortrug. Oder
wenn sie mit leiser Stimme ihren Traum von damals beschreibt: Ein Dirndl
mit einer weißen Bluse….Die sensible Kameraführung ermöglicht
Raum für Emotionen. Die Geschichte der Frauen, in der sich individuelle
und kollektive Biographie treffen, ist Geschichtsunterricht wie er so
hautnah nie in einem Lesebuch vermittelt werden kann.
Margret Köhler, Medienerziehung 3/85
An dieser Stelle übernimmt Peter Hiess in fliegendem
Wechsel die Rezension, um über den zweiten neuen Film des ‘Filmladen’
zu berichten. Wer mich kennt, weiß, wie meine erste Reaktion auf
Bezeichnungen und Titel wie ‘Projektgruppe Frauen im antifaschistischen
Widerstand’ und ‘Küchengespräche mit Rebellinnen’
sein muss. Deswegen schicke ich voraus: Der Film hat mich angenehm enttäuscht.
Eigentlich sind es auf Video aufgezeichnete Gespräche mit vier alten
Frauen, immer wieder unterbrochen von Standphotos der Frauen aus ihrer
Jugend. Wer österreichische alte Frauen kennt, weiß, was sie
im allgemeinen über das Hitler-Regime erzählen: ‘Zu essen
und a Arbeit hamma ghabt, und von die Greuel hamma nix gwußt.’
Und sie haben als Partisaninnen oder in anderen Formen des Widerstands
dagegen gekämpft, ungeachtet ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter.
Die alten Damen erzählen gut. Außer diesem wichtigen zeigeschichtlichen
Dokument aber gibt der Film nichts her. Trotz des Engagements, das immer
jede Schludrigkeit entschuldigen soll er hat keinen künsterischen
Wert. Auch mit unterlegter Pausenmusik von Carla Bley (!) nicht.
Peter Hiess, ÖH-Express, März 1985
KÜCHENGESPRÄCHE MIT REBELLINNEN (1985)
Sie heißen Rosl, Anni, Zala. Keiner kennt heute ihre Namen. Die
Gestapo damals kannte diese Namen sehr gut. Rosl, Anni, Zala und die anderen
leisteten Widerstand gegen das Nazi-Regime.
Adieu männliche Geschichtsschreibung, adieu politische
Ignoranz und Borniertheit! Grabe, wo Du stehst! – von uns Frauenbewegten
wörtlich genommen als Motiv für ein Projekt, aus dem ein Film
und ein Buch geworden sind. Was uns interessierte, war die andere Hälfte
des Widerstands. Nicht die Hälfte des Himmels, sondern die in der
faschistischen Hölle; Frauen, die sich gegen Terror und Menschenverachtung,
gegen die Übergriffe der NS-Diktatur gewehrt haben. Frauen, die unsere
Mütter und Großmütter sein könnten. Furchige Gesichter,
abgearbeitete Hände, hie und da ein verschmitztes Lächeln –
wie gewohnt.
Und doch unterschieden sie sich von einem Großteil unserer Bevölkerung,
sie sagten nein, wo viele ja schrien, erhoben ihre Hand nicht zum Hitler-Gruß,
sondern ballten sie zu Fäusten. Dass wir 40 Jahre nach Kriegsende
spät dran waren, war uns bewußt. Doch es galt, Spuren zu sichern,
noch ehe sie der Gegenwind endgültig verwischt hatte. Unser Wunsch
war, dieRebellinnen in unserem Land zu entdecken, in dem Kadavergehorsam
und Anpassung zu den gewünschten Tugenden gehören. In einem
Land, in dem ein Minister einen NS-Kriegsverbrecher auf Staatkosten per
Flugzeug abholen und ihn mit Handschlag begüßen kann, ohne
seines Amtes enthoben zu werden.
Auf der Suche nach dem bislang unbekannten weiblichen Widerstand haben
wir Akten studiert und Berichte gelesen, sind in die entlegensten Dörfer
gefahren, haben dort Erkundigungen nach den damals Aktiven eingezogen.
Was war aus ihnen geworden? Haben sie überlebt?
Zum Beispiel: Zala. Ein Foto von ihr, entdeckt in einem Buch über
den Kärntner Partisanenkampf, diente als einziger Anhaltspunkt. Zwischen
zwei Männern stehend, in Partisanenuniform, blonde Zöpfe, die
Arme nonchalant in den Hosentaschen. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1944.
Das Buch unter den Arm geklemmt und in die Berge Südkärntens
gefahren! Widersprüchliche Auskünfte, die wir in der Ortschaft
im Tal erhalten, erschweren unsere Recherchen. Nach einigen Irrfahrten
auf abseits gelegenen, steilen Wegen, eröffnet sich eine Hochebene,
Wiesen, dazwischen ein Bauerngehöft samt Stallungen, davor ein Bienenhaus.
Auf mein Klopfen hin erscheint eine Frau im Vorraum, gestützt auf
ihren Stock. Obwohl sie eine Brille trägt, erkenne ich sie an ihren
Augen, an dem ungetrübten Blick.
Zunächst ein Zögern. Zala war mißtrauisch, weil gerade
in Kärnten die faschistische Vergangenheit nicht überwunden
ist, weil Frauen wie sie noch heutzutage als “Banditinnen”
diffamiert werden.
Vorerst war da nichts zu machen. Nach einem Briefwechsel kam schließlich
eine Zusage. Als wir im Spätsommer mit der gesamten technischen Ausrüstung
bei ihr landeten, schickte sie uns neuerlich zurück. Wichtigeres
in der Landwirtschaft war zu tun. Erst ein Jahr später klappt es,
die anfängliche Zurückhaltung ist verschwunden. Wir sind uns
dann sehr nahe gekommen.
Mit anderen slowenischen Bauernmädchen schließt sich Zala in
der ersten Frauengruppe zusammen, später organisiert sie in ganz
Kärnten die antifaschistische Frauenfront. Die militante Freiheitsbewegung
unterstützt sie tatkräftig mit Lebensmitteln und Informationen.
Im Herbst 1943 wird sie gefangen genommen. Flankiert von einer stark bewaffneten
Wachmannschaft führt man sie während einer Oktobernacht durch
Fichtenwälder. Sie soll einen “Bunker” der Partisanen
preisgeben. Trickreich gelingt es ihr, die Fesseln allmählich zu
lockern. Als sie bemerkt, dass neben ihr das Gelände abfällt,
wirft sie sich den Geröllhang hinunter. Brombeerstauden zerfetzen
ihre Kleider bis auf die Haut. Hinter ihr steigen Leuchtraketen auf, machen
die Nacht zum Tag, die Gestapo ballert den Hang hinab – vergeblich.
Als Partisanin tauschte Zala ihr wohliges Bett gegen die Lagerstatt im
Freien, den Rechen gegen ein Gewehr. Ihre heutigen Schilderungen zeichnen
die Schattenseiten nach, lassen erkennen, warum sie sich abpanzern mußte,
um all das zu überstehen. Kurz nach ihrer gelungenen Flucht üben
die Nazis Rache. Sie äschern den heimatlichen Hof ein, verschleppen
zwei ihrer Tanten ins KZ.
An Zalas Gürtel hängt eine Handgranate, für sie selbst
bestimmt. Den Faschisten nicht lebend in die Hände zu fallen, ist
ihre Parole. Zuviel der Greuel, die sie erlebte, zuviel der Massaker unter
der Zivilbevölkerung, die sie mitansehen mußte. Den Geruch
verkohlter Menschenteile in den niedergebrannten Dörfern, in denen
die Nazis gewütet hatten, kann sie nicht mehr vergessen.
Auf der Heimfahrt nach Wien verlassen uns diese Bider nicht mehr. Bei
den Dreharbeiten ist viel aufgebrochen: die Bilder verdichten sich zu
Fragen, wie wir uns selbst verhalten hätten in der damaligen Situation.
Fragen, die uns bedrängen.
Agnes Primocic? Oh doch! Im Kaffeehaus, in dem wir eine Rast einschalten,
nicken die Leute. Ihr Name ist ihnen geläufig. Zwar können sie
uns keine Straße nennen, wissen aber genau, wo sie wohnt: In Griesrechen,
einer Arbeitersiedlung am Rande von Hallein.
Sie werkt gerade im Garten. Eine agile Frau, helle Schürze. Schlohweißes
Haar, das am Hinterkopf ordentlich verknotet ist, ovaler Gesichtsschnitt,
derselbe schwarze Ohrring seit ihrer Jugend. Ehemals Tabakarbeiterin,
nunmehr in Pension. Keine romantische Carmen, ihre Leidenschaft galt der
Politik. 1934, als in der Kälte des Februar die österreichischen
Arbeiter ihren Aufstand probten, hielt sie ihre ersten öffentlichen
Reden, auf einem Schneehaufen.
Als Betriebsrätin in einer Fabrik, in der vorzugsweise Mädchen
für die staubige Arbeit mit den Tabakrollen eingesetzt werden, steht
sie voll und ganz hinter dem ausgerufenen Generalsteik. Agnes fordert
die männlichen Kollegen im Salinenbetrieb und in der Brauerei zum
gemeinsamen Aufstand auf. Man wimmelt sie ab. Die Tabakarbeiterinnen bleiben
die einzigen, die streiken. Seit dieser Zeit vertritt sie die Ansicht,
daß auf Männer kein Verlaß sei.
Schon als Kind verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Herdputzen. Das
Geld reicht kaum für das Nötigste. Bücher, die sie heiß
liebt, kann sie sich keine leisten. Aus der Pfarrbibiliothek entlehnt
sie sozialkritische Romane von Jack London und Traven. Bebel hat es ihr
besonders angetan, weil sie dort erstmals erfährt, daß es ein
Matriarchat gegeben hat.
Sie ist ganz Clanmutter. Wie bedrückend ist es heute noch für
sie, über den Tag ihrer Verhaftung zu berichten. Plötzlich bricht
sie in Schluchzen aus. Gendarmen durchwühlten die ganze Wohnung und
nahmen sie einfach mit, ungeachtet, daß ihre kleine Tochter Mauxi
an Lungenentzündung litt.
Und dennoch – sie wußte, es war richtig, was sie getan hatte.
Sie, die nie einer Katze oder einem Hund etwas zuleide tun konnte, war
empört über das, was der Hitler-Faschismus aus den Menschen
machte: Sie wurden zu Spitzeln und Denunzianten, zu Gehässigen und
Massenmördern. Trotz des Versprechens, das sie ihrem Mann gegeben
hatte, nämlich politisch nichts mehr zu tun, blieb sie weiterhin
aktiv. Sie konnte nicht ablehnen, als man sie bat, KZ-Flüchtlingen
das Leben zu retten und dafür ihr eigenes zu riskieren.
Oder Rosl Grossmann-Breuer. Die Film-Aufnahmen über
diese Rebellin machen wir Anfang März, die Gegend ist tief verschneit,
wir ziehen die Kamera auf einem Schlitten zu ihrem Holzhaus. Rosl zeigt
uns den Weg mit Schiern voran. Eine heiße Suppe hat sie uns vorbereitet,
zum Aufwärmen. Rosl kenne ich seit Jahren, sie ist die Mutter einer
Freundin. Doch erst als wir unser Projekt starten, uns überall umhorchen,
erfahre ich von ihrem Sprung aus dem 4. Stock der Gestapozentrale in Wien.
Ein Sturz, der ihr die Freiheit brachte. Um den Preis schwerster Verletzungen,
um den Peis eines monatelangen Zwangsaufenthalts im Inquisitenspital.
Ehe sie irgendeinen Menschen verraten hätte, hätte sie sich
lieber die Zunge abgebissen. Der Gedanke, daß jemand durch sie hochgehen
könnte, ist ihr ein Alptraum. – Noch heute, wenn sie sich daran
erinnert.
In einem Altersheim in Linz stöberten wir Anni Haider auf, eine Wienerin,
die hier ihren Lebensabend verbringt. Das Heim liegt direkt an der Bundesstraße,
innen herrscht eine ruhige und freundliche Atmosphäre. Anni ist die
älteste der Akteurinnen, mit denen wir vor laufender Kamera über
ihre Lebensgeschichte sprechen. Seit Jahren schon laboriert sie an einem
Herzleiden. Ihre Erfahrungen uns mitzuteilen, ist ihr trotzdem ein Bedürfnis.
Trotz der Furcht vor dem Aufbrechen oberflächlich verheilter Wunden.
Überraschend für uns ist der herzliche Empfang. In dem kleinen
Zimmer biegt sich der Tisch voller Leckereien, Krapfen und Schinken. Sofort
ist sie in ihrem Element, faszinierend durch ihre Vitalität. Im Wienerischen
heißt das: “Schmähführerin”. Die Szenen im
Gefängnis stellt sie nach, berichtet von ihren Bravourstücken
mit ansteckendem Humor: Wie sie im Beichtstuhl dem Gefängnis-Pfarrer
antifaschistische Reden “von draußen” vorliest; wie
sie Zeitschriften auf winzigen Zettelchen herstellt, die dann heimlich
in alle Gefangenenhäuser in Wien verteilt werden. Sie ahmt den Tonfall
der Klosterschwestern nach, mit denen sie im Inquisitenspital gemeinsame
Sache machte. Das Bittere des Erlebten und ihre Trauer werden in den langen
Geprächs-Pausen spürbar.
Über Monate hinweg gab es Kontakt mit den vom Regime zum Tod verurteilten
Mitkämpferinnen, die in den Zellen direkt unter ihr waren. Was blieb
zu tun, als diese Verbindung nicht abreißen zu lassen, aufzumuntern,
Trost zu senden über eingeschmuggelte Kassiber. Bis sie dann selbst
in der Todeszelle saß, ungewiß, wann man sie aufs Schafott
holen würde. Wachträume und unerfüllte Sehnsüchte
waren ihr Strohhalm. Das intensive Gesumme der Bienen, das Bad im kühlen
Wasser der Donau erlebt sie in der Phantasie. Mit dem einzigen Lebewesen
in ihrer Zelle, einer Spinne, hält sie Zwiegespräch. Amseln,
die zu ihr auf die Luke kommen, füttert sie mit den Brotstückchen,
die sie von ihrer tagtäglichen Essensration abgezweigt hat. Diese
Vögel werden auch ihre Grüße übermitteln, Grüße
an den Sohn und an den verhafteten Mann; dessen ist sie sich gewiß.
Sich nicht hinter den Kerkermauern kleinkriegen zu lassen, ist Teil ihres
Widerstands.
Wir wollten, dass diese “Küchengespräche” nicht
in der Küche bleiben. Im Schneideraum haben wir uns von der Dramaturgie,
die den Geschichten dieser Widerstandsfrauen innewohnt, leiten lassen.
Die Poesie ihrer Erzählungen sollte durch keinen unnötigen Kunstkniff
gebrochen werden. Wir wollten den Zuschauern eine Begegnung mit diesen
Frauen ermöglichen, die keines Kommentars bedurfte. Eine Begegnung,
die schon längst fällig war.
Lisbeth N. Trallori, EMMA, 7. Juli 1985
TEXTE
Gerhard Jagschitz
"In den Interviews erzählen Frauen von ihrem Widerstand, konfrontieren
uns mit dem Rollenklischee der angeblichen Männlichkeit derartigen
Handelns, brechen die Hohlheit der Verantwortung auf, man hätte als
einzelner ja nichts machen können, und öffnen einen neuen Zugang
zu einem durch allzu viele Mythen und Klischees verstellten wichtigen
Problem unserer nationalen Identität. Sie schildern das Einbrechen
eines unmenschlichen Systems in ihren Alltag und lassen uns teilhaben
an den weltanschaulichen oder politischen Wurzeln ihres Handelns, die
aber im Grunde nur aus einem Motiv stammten: vor sich selbst bestehen
zu können."
Michael Scharang, Oktober 1984
“Der Film ‘Küchengespräche mit Rebellinnen’
hat mich nachhaltig beeindruckt. Schade nur, daß er wie jeder Film
ein Ende hat; ich hätte den Frauen, die von ihrem Widerstand gegen
den Hitlerfaschismus erzählten, noch viele Stunden zuhören wollen.
Nicht nur, weil es aufregend, spannend und ermutigend ist, was sie zu
sagen haben, sondern auch aus Dankbarkeit. Ihnen zuzuhören, in ihren
Gesichtern zu lesen, ist die einzige Form, in der man ihnen Dank sagen
kann für das, was sie getan haben, was sie – das ist gewiß
der nebensächlichste Gesichtspunkt – auch für mich getan
haben. Wenn nämlich diese Frauen erzählen, kann man rückblickend
auf die Nazizeit endlich den Augenblick erleben, da man sich nicht genieren
muss, Österreicher zu sein.
Bemerkenswert ist der Film auch als Kunstprodukt, da er sich den Widerstandskämpferinnen
gegenüber, die er ins Bild setzt und zu Wort kommen läßt,
grundsätzlich anders verhält als unsere Gesellschaft: er verhält
sich respektvoll. Er protzt nicht mit Kunstmitteln, die Frauen der Projektgruppe
setzen sich nicht selbst in Szene, sie mißbrauchen die Kunst des
Dokumentarfilmesn nicht, um irgendeinen obskuren Kunstwillen zu dokumentieren.
Ein Glücksfall, dass diese Rebellinnen und diese Projektgruppe zueinandergefunden
haben. Auch das Ergebnis: ein Glücksfall.
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