Küchengespräche mit Rebellinnen
 

Küchengespräche mit Rebellinnen
A 1984, 80 min, Video und 16 mm, engl, franz. UT
Buch, Schnitt, Regie: Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik, Lisbeth N. Trallori // Kamera, Ton: Gerda Lampalzer // Musik: Carla Bley // Mit: Rosl Grossmann-Breuer, Anni Haider, Agnes Primocic, Johanna Sadolschek-Zala

“Das Ziel war halt, den Faschismus von unserer Heimat auszutreiben. Das ist das erste Ziel gewesen. Und dass die, die noch überbleiben, die verstreut sind, unsere Angehörigen, wieder auf eigene Heime zurückkehren können …und auch ein freies, unbefangenes Leben, nicht in der Angst, nicht wieder in der Kriegszeit - oder wie man das nennen soll – in der Freiheit wieder leben. Man hat ja die Parole gehabt:Tod dem Faschismus und Freiheit dem Volke.” Johanna Sadolschek-Zala

Vier Frauen erzählen. Ihre Geschichten fügen sich ineinander, wachsen eine aus der anderen heraus. Agnes Primocic aus Hallein unterstützt die Flucht von Häftlingen aus dem KZ, sammelt unter großer Gefahr Männerkleider, schmuggelt mit ihrer Freundin eine Pistole und organisiert Unterschlupf für die Entkommenen. Johanna Sadolschek-Zala, Slowenin aus Südkärnten, kann durch ihre List und Ortskenntnis einem Großaufgebot der Gendarmerie und Gestapo entfliehen. Sie flüchtet in den Wald und schließt sich den Partisanen an. Rosl Grossmann-Breuer aus Wien sabotiert in einem Kriegsbetrieb und ist nach ihrer Verhaftung den quälenden Verhören der Gestapo im Hotel Metropol ausgesetzt. Mit körperlicher und psychischer Folter versuchen die Gestapobeamten ihren Willen zu brechen. Anni Haider erinnert sich an ihre Zeit als Gefangene in Wien und Aichach, an die Solidarität unter den Häftlingen und ihre Träume in der Einzelzelle.
Sie alle erzählen unprätentiös und selbstverständlich. Gemeinsam ist ihnen die Poesie ihrer Schilderungen und eine Ausstrahlung des Ruhens in der eigenen Geschichte.

Filmausschnitt ansehen

[top]

distributed by:
Verleih Beta
Medienwerkstatt Wien
Neubaugasse 40a
1070 Wien
Tel +43 1 5263667
office@medienwerkstatt-wien.at
www.medienwerkstatt-wien.at

Verleih 16mm
filmladen GmbH
Mariahilfer Straße 58/7
A-1070 Wien
Tel +43 1 523 43 62-0
Fax +43 1 526 47 49
office@filmladen.at
www.filmladen.at

 

PRESSESTIMMEN

“So wie man die Tür zu einem noch unbekanten Raum öffnet: Das allmähliche Erkennen durch genaues Betrachten, das Sichzurechtfinden, nachdem die Augen sich an das fremde Licht gewöhnt haben. Und dann haarscharfe Konturen. Dieses Gefühl hatte ich bei dem Film “Küchengespräche mit Rebellinnen”.
Barbara Danneberg, Stimme der Frau 3/85

 

….
Als sie (Agnes Primocic) aber mit zwei Koffern sich auf den Weg zu dem verabredeten Mittelsmann macht, sieht sie, dass vor der Brücke , über die sie muss, ein Soldat alle genau kontrolliert. Nun ist’s aus, denkt sie. Da erkennt sie in dem Wachtposten einen ehemaligen Genossen, der mit ihr bei den Kinderfreunden war. Auch er verrät, sie erkannt zu haben, und gibt ihr ein Zeichen, sie könne ungefilzt hinüber.
Spannende Anekdote eines thrillerbegabten Schriftstellers? Eine weißhaarige Frau erzählt dies nebst noch drei Frauen, die vierzig Jahre lang über ihre Erlebnisse im Widerstand nie gefragt wurden, nun aber in dem Film “Küchengespräche mit Rebellinnen” sich freierzählen konnten: über Folterungen, über ihre Ehre, die Solidarität war, auch über etliches, worüber eine andere hochbejahrte Erzählerin noch heute lachen muss: Wie sie das Inquisitenspital in Wien zu einem einzigen Widerstandsnest umfunktioniert hatten, in dem im letzten seelischen Schmutzwinkel noch kein Verrat gelauert hat…. Die einzelnen Erzählungen immer wieder unterbrochen von eingeschnittenen Jugendphotos: Was waren das für schöne Frauen!
Fritz Walden, AZ, 29.10.1984

 

Der Film ist unprätentiös. Fast nur die Gesichter der Frauen, einige Photos, aus Kindheit und Jugend, mit der Familie. Dem Video ist anzumerken, dass die Autorinnen sich Zeit gelassen haben. Da wird auf den Kommentar verzichtet, nicht das übliche Frage-Antwortspiel abgespult. Die Schilderungen fesseln, z.B. wenn Anni Haider erzählt, wie sie einem Jesuitenpater Stalins Rede im Beichtstuhl vortrug. Oder wenn sie mit leiser Stimme ihren Traum von damals beschreibt: Ein Dirndl mit einer weißen Bluse….Die sensible Kameraführung ermöglicht Raum für Emotionen. Die Geschichte der Frauen, in der sich individuelle und kollektive Biographie treffen, ist Geschichtsunterricht wie er so hautnah nie in einem Lesebuch vermittelt werden kann.
Margret Köhler, Medienerziehung 3/85

 

An dieser Stelle übernimmt Peter Hiess in fliegendem Wechsel die Rezension, um über den zweiten neuen Film des ‘Filmladen’ zu berichten. Wer mich kennt, weiß, wie meine erste Reaktion auf Bezeichnungen und Titel wie ‘Projektgruppe Frauen im antifaschistischen Widerstand’ und ‘Küchengespräche mit Rebellinnen’ sein muss. Deswegen schicke ich voraus: Der Film hat mich angenehm enttäuscht. Eigentlich sind es auf Video aufgezeichnete Gespräche mit vier alten Frauen, immer wieder unterbrochen von Standphotos der Frauen aus ihrer Jugend. Wer österreichische alte Frauen kennt, weiß, was sie im allgemeinen über das Hitler-Regime erzählen: ‘Zu essen und a Arbeit hamma ghabt, und von die Greuel hamma nix gwußt.’ Und sie haben als Partisaninnen oder in anderen Formen des Widerstands dagegen gekämpft, ungeachtet ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter.
Die alten Damen erzählen gut. Außer diesem wichtigen zeigeschichtlichen Dokument aber gibt der Film nichts her. Trotz des Engagements, das immer jede Schludrigkeit entschuldigen soll er hat keinen künsterischen Wert. Auch mit unterlegter Pausenmusik von Carla Bley (!) nicht.
Peter Hiess, ÖH-Express, März 1985

 

KÜCHENGESPRÄCHE MIT REBELLINNEN (1985)
Sie heißen Rosl, Anni, Zala. Keiner kennt heute ihre Namen. Die Gestapo damals kannte diese Namen sehr gut. Rosl, Anni, Zala und die anderen leisteten Widerstand gegen das Nazi-Regime.

Adieu männliche Geschichtsschreibung, adieu politische Ignoranz und Borniertheit! Grabe, wo Du stehst! – von uns Frauenbewegten wörtlich genommen als Motiv für ein Projekt, aus dem ein Film und ein Buch geworden sind. Was uns interessierte, war die andere Hälfte des Widerstands. Nicht die Hälfte des Himmels, sondern die in der faschistischen Hölle; Frauen, die sich gegen Terror und Menschenverachtung, gegen die Übergriffe der NS-Diktatur gewehrt haben. Frauen, die unsere Mütter und Großmütter sein könnten. Furchige Gesichter, abgearbeitete Hände, hie und da ein verschmitztes Lächeln – wie gewohnt.
Und doch unterschieden sie sich von einem Großteil unserer Bevölkerung, sie sagten nein, wo viele ja schrien, erhoben ihre Hand nicht zum Hitler-Gruß, sondern ballten sie zu Fäusten. Dass wir 40 Jahre nach Kriegsende spät dran waren, war uns bewußt. Doch es galt, Spuren zu sichern, noch ehe sie der Gegenwind endgültig verwischt hatte. Unser Wunsch war, dieRebellinnen in unserem Land zu entdecken, in dem Kadavergehorsam und Anpassung zu den gewünschten Tugenden gehören. In einem Land, in dem ein Minister einen NS-Kriegsverbrecher auf Staatkosten per Flugzeug abholen und ihn mit Handschlag begüßen kann, ohne seines Amtes enthoben zu werden.
Auf der Suche nach dem bislang unbekannten weiblichen Widerstand haben wir Akten studiert und Berichte gelesen, sind in die entlegensten Dörfer gefahren, haben dort Erkundigungen nach den damals Aktiven eingezogen. Was war aus ihnen geworden? Haben sie überlebt?
Zum Beispiel: Zala. Ein Foto von ihr, entdeckt in einem Buch über den Kärntner Partisanenkampf, diente als einziger Anhaltspunkt. Zwischen zwei Männern stehend, in Partisanenuniform, blonde Zöpfe, die Arme nonchalant in den Hosentaschen. Eine Aufnahme aus dem Jahre 1944.
Das Buch unter den Arm geklemmt und in die Berge Südkärntens gefahren! Widersprüchliche Auskünfte, die wir in der Ortschaft im Tal erhalten, erschweren unsere Recherchen. Nach einigen Irrfahrten auf abseits gelegenen, steilen Wegen, eröffnet sich eine Hochebene, Wiesen, dazwischen ein Bauerngehöft samt Stallungen, davor ein Bienenhaus. Auf mein Klopfen hin erscheint eine Frau im Vorraum, gestützt auf ihren Stock. Obwohl sie eine Brille trägt, erkenne ich sie an ihren Augen, an dem ungetrübten Blick.
Zunächst ein Zögern. Zala war mißtrauisch, weil gerade in Kärnten die faschistische Vergangenheit nicht überwunden ist, weil Frauen wie sie noch heutzutage als “Banditinnen” diffamiert werden.
Vorerst war da nichts zu machen. Nach einem Briefwechsel kam schließlich eine Zusage. Als wir im Spätsommer mit der gesamten technischen Ausrüstung bei ihr landeten, schickte sie uns neuerlich zurück. Wichtigeres in der Landwirtschaft war zu tun. Erst ein Jahr später klappt es, die anfängliche Zurückhaltung ist verschwunden. Wir sind uns dann sehr nahe gekommen.
Mit anderen slowenischen Bauernmädchen schließt sich Zala in der ersten Frauengruppe zusammen, später organisiert sie in ganz Kärnten die antifaschistische Frauenfront. Die militante Freiheitsbewegung unterstützt sie tatkräftig mit Lebensmitteln und Informationen. Im Herbst 1943 wird sie gefangen genommen. Flankiert von einer stark bewaffneten Wachmannschaft führt man sie während einer Oktobernacht durch Fichtenwälder. Sie soll einen “Bunker” der Partisanen preisgeben. Trickreich gelingt es ihr, die Fesseln allmählich zu lockern. Als sie bemerkt, dass neben ihr das Gelände abfällt, wirft sie sich den Geröllhang hinunter. Brombeerstauden zerfetzen ihre Kleider bis auf die Haut. Hinter ihr steigen Leuchtraketen auf, machen die Nacht zum Tag, die Gestapo ballert den Hang hinab – vergeblich.
Als Partisanin tauschte Zala ihr wohliges Bett gegen die Lagerstatt im Freien, den Rechen gegen ein Gewehr. Ihre heutigen Schilderungen zeichnen die Schattenseiten nach, lassen erkennen, warum sie sich abpanzern mußte, um all das zu überstehen. Kurz nach ihrer gelungenen Flucht üben die Nazis Rache. Sie äschern den heimatlichen Hof ein, verschleppen zwei ihrer Tanten ins KZ.
An Zalas Gürtel hängt eine Handgranate, für sie selbst bestimmt. Den Faschisten nicht lebend in die Hände zu fallen, ist ihre Parole. Zuviel der Greuel, die sie erlebte, zuviel der Massaker unter der Zivilbevölkerung, die sie mitansehen mußte. Den Geruch verkohlter Menschenteile in den niedergebrannten Dörfern, in denen die Nazis gewütet hatten, kann sie nicht mehr vergessen.
Auf der Heimfahrt nach Wien verlassen uns diese Bider nicht mehr. Bei den Dreharbeiten ist viel aufgebrochen: die Bilder verdichten sich zu Fragen, wie wir uns selbst verhalten hätten in der damaligen Situation. Fragen, die uns bedrängen.
Agnes Primocic? Oh doch! Im Kaffeehaus, in dem wir eine Rast einschalten, nicken die Leute. Ihr Name ist ihnen geläufig. Zwar können sie uns keine Straße nennen, wissen aber genau, wo sie wohnt: In Griesrechen, einer Arbeitersiedlung am Rande von Hallein.
Sie werkt gerade im Garten. Eine agile Frau, helle Schürze. Schlohweißes Haar, das am Hinterkopf ordentlich verknotet ist, ovaler Gesichtsschnitt, derselbe schwarze Ohrring seit ihrer Jugend. Ehemals Tabakarbeiterin, nunmehr in Pension. Keine romantische Carmen, ihre Leidenschaft galt der Politik. 1934, als in der Kälte des Februar die österreichischen Arbeiter ihren Aufstand probten, hielt sie ihre ersten öffentlichen Reden, auf einem Schneehaufen.
Als Betriebsrätin in einer Fabrik, in der vorzugsweise Mädchen für die staubige Arbeit mit den Tabakrollen eingesetzt werden, steht sie voll und ganz hinter dem ausgerufenen Generalsteik. Agnes fordert die männlichen Kollegen im Salinenbetrieb und in der Brauerei zum gemeinsamen Aufstand auf. Man wimmelt sie ab. Die Tabakarbeiterinnen bleiben die einzigen, die streiken. Seit dieser Zeit vertritt sie die Ansicht, daß auf Männer kein Verlaß sei.
Schon als Kind verdient sie ihren Lebensunterhalt mit Herdputzen. Das Geld reicht kaum für das Nötigste. Bücher, die sie heiß liebt, kann sie sich keine leisten. Aus der Pfarrbibiliothek entlehnt sie sozialkritische Romane von Jack London und Traven. Bebel hat es ihr besonders angetan, weil sie dort erstmals erfährt, daß es ein Matriarchat gegeben hat.
Sie ist ganz Clanmutter. Wie bedrückend ist es heute noch für sie, über den Tag ihrer Verhaftung zu berichten. Plötzlich bricht sie in Schluchzen aus. Gendarmen durchwühlten die ganze Wohnung und nahmen sie einfach mit, ungeachtet, daß ihre kleine Tochter Mauxi an Lungenentzündung litt.
Und dennoch – sie wußte, es war richtig, was sie getan hatte. Sie, die nie einer Katze oder einem Hund etwas zuleide tun konnte, war empört über das, was der Hitler-Faschismus aus den Menschen machte: Sie wurden zu Spitzeln und Denunzianten, zu Gehässigen und Massenmördern. Trotz des Versprechens, das sie ihrem Mann gegeben hatte, nämlich politisch nichts mehr zu tun, blieb sie weiterhin aktiv. Sie konnte nicht ablehnen, als man sie bat, KZ-Flüchtlingen das Leben zu retten und dafür ihr eigenes zu riskieren.

Oder Rosl Grossmann-Breuer. Die Film-Aufnahmen über diese Rebellin machen wir Anfang März, die Gegend ist tief verschneit, wir ziehen die Kamera auf einem Schlitten zu ihrem Holzhaus. Rosl zeigt uns den Weg mit Schiern voran. Eine heiße Suppe hat sie uns vorbereitet, zum Aufwärmen. Rosl kenne ich seit Jahren, sie ist die Mutter einer Freundin. Doch erst als wir unser Projekt starten, uns überall umhorchen, erfahre ich von ihrem Sprung aus dem 4. Stock der Gestapozentrale in Wien. Ein Sturz, der ihr die Freiheit brachte. Um den Preis schwerster Verletzungen, um den Peis eines monatelangen Zwangsaufenthalts im Inquisitenspital. Ehe sie irgendeinen Menschen verraten hätte, hätte sie sich lieber die Zunge abgebissen. Der Gedanke, daß jemand durch sie hochgehen könnte, ist ihr ein Alptraum. – Noch heute, wenn sie sich daran erinnert.
In einem Altersheim in Linz stöberten wir Anni Haider auf, eine Wienerin, die hier ihren Lebensabend verbringt. Das Heim liegt direkt an der Bundesstraße, innen herrscht eine ruhige und freundliche Atmosphäre. Anni ist die älteste der Akteurinnen, mit denen wir vor laufender Kamera über ihre Lebensgeschichte sprechen. Seit Jahren schon laboriert sie an einem Herzleiden. Ihre Erfahrungen uns mitzuteilen, ist ihr trotzdem ein Bedürfnis. Trotz der Furcht vor dem Aufbrechen oberflächlich verheilter Wunden.
Überraschend für uns ist der herzliche Empfang. In dem kleinen Zimmer biegt sich der Tisch voller Leckereien, Krapfen und Schinken. Sofort ist sie in ihrem Element, faszinierend durch ihre Vitalität. Im Wienerischen heißt das: “Schmähführerin”. Die Szenen im Gefängnis stellt sie nach, berichtet von ihren Bravourstücken mit ansteckendem Humor: Wie sie im Beichtstuhl dem Gefängnis-Pfarrer antifaschistische Reden “von draußen” vorliest; wie sie Zeitschriften auf winzigen Zettelchen herstellt, die dann heimlich in alle Gefangenenhäuser in Wien verteilt werden. Sie ahmt den Tonfall der Klosterschwestern nach, mit denen sie im Inquisitenspital gemeinsame Sache machte. Das Bittere des Erlebten und ihre Trauer werden in den langen Geprächs-Pausen spürbar.
Über Monate hinweg gab es Kontakt mit den vom Regime zum Tod verurteilten Mitkämpferinnen, die in den Zellen direkt unter ihr waren. Was blieb zu tun, als diese Verbindung nicht abreißen zu lassen, aufzumuntern, Trost zu senden über eingeschmuggelte Kassiber. Bis sie dann selbst in der Todeszelle saß, ungewiß, wann man sie aufs Schafott holen würde. Wachträume und unerfüllte Sehnsüchte waren ihr Strohhalm. Das intensive Gesumme der Bienen, das Bad im kühlen Wasser der Donau erlebt sie in der Phantasie. Mit dem einzigen Lebewesen in ihrer Zelle, einer Spinne, hält sie Zwiegespräch. Amseln, die zu ihr auf die Luke kommen, füttert sie mit den Brotstückchen, die sie von ihrer tagtäglichen Essensration abgezweigt hat. Diese Vögel werden auch ihre Grüße übermitteln, Grüße an den Sohn und an den verhafteten Mann; dessen ist sie sich gewiß. Sich nicht hinter den Kerkermauern kleinkriegen zu lassen, ist Teil ihres Widerstands.
Wir wollten, dass diese “Küchengespräche” nicht in der Küche bleiben. Im Schneideraum haben wir uns von der Dramaturgie, die den Geschichten dieser Widerstandsfrauen innewohnt, leiten lassen. Die Poesie ihrer Erzählungen sollte durch keinen unnötigen Kunstkniff gebrochen werden. Wir wollten den Zuschauern eine Begegnung mit diesen Frauen ermöglichen, die keines Kommentars bedurfte. Eine Begegnung, die schon längst fällig war.
Lisbeth N. Trallori, EMMA, 7. Juli 1985

[top]

TEXTE

Gerhard Jagschitz
"In den Interviews erzählen Frauen von ihrem Widerstand, konfrontieren uns mit dem Rollenklischee der angeblichen Männlichkeit derartigen Handelns, brechen die Hohlheit der Verantwortung auf, man hätte als einzelner ja nichts machen können, und öffnen einen neuen Zugang zu einem durch allzu viele Mythen und Klischees verstellten wichtigen Problem unserer nationalen Identität. Sie schildern das Einbrechen eines unmenschlichen Systems in ihren Alltag und lassen uns teilhaben an den weltanschaulichen oder politischen Wurzeln ihres Handelns, die aber im Grunde nur aus einem Motiv stammten: vor sich selbst bestehen zu können."

 

Michael Scharang, Oktober 1984
“Der Film ‘Küchengespräche mit Rebellinnen’ hat mich nachhaltig beeindruckt. Schade nur, daß er wie jeder Film ein Ende hat; ich hätte den Frauen, die von ihrem Widerstand gegen den Hitlerfaschismus erzählten, noch viele Stunden zuhören wollen. Nicht nur, weil es aufregend, spannend und ermutigend ist, was sie zu sagen haben, sondern auch aus Dankbarkeit. Ihnen zuzuhören, in ihren Gesichtern zu lesen, ist die einzige Form, in der man ihnen Dank sagen kann für das, was sie getan haben, was sie – das ist gewiß der nebensächlichste Gesichtspunkt – auch für mich getan haben. Wenn nämlich diese Frauen erzählen, kann man rückblickend auf die Nazizeit endlich den Augenblick erleben, da man sich nicht genieren muss, Österreicher zu sein.
Bemerkenswert ist der Film auch als Kunstprodukt, da er sich den Widerstandskämpferinnen gegenüber, die er ins Bild setzt und zu Wort kommen läßt, grundsätzlich anders verhält als unsere Gesellschaft: er verhält sich respektvoll. Er protzt nicht mit Kunstmitteln, die Frauen der Projektgruppe setzen sich nicht selbst in Szene, sie mißbrauchen die Kunst des Dokumentarfilmesn nicht, um irgendeinen obskuren Kunstwillen zu dokumentieren.
Ein Glücksfall, dass diese Rebellinnen und diese Projektgruppe zueinandergefunden haben. Auch das Ergebnis: ein Glücksfall.

[top]